Stück für Stück 2/2013

Eine Auswahl …

von Winnie Geipert

 

 tr-noraSchrill im Tüll

Landungsbrücken: Nora

Wer im heimeligen Liebesbund auf ein Singvögelein – mit Spatzenhirn – reduziert wird, braucht zur Vervollkommnung des häuslichen Liebesglücks kaum mehr, als gut auszuschauen und ab und an brav »Piep« zu sagen. Die so wortreiche wie nichtssagende Kommunikation zwischen Nora und Torvald Helmer in »Nora. Ein Puppenheim« hat Sarah Kortmann auf die Idee gebracht, Henrik Ibsens Seelendrama um eine sich aus den »heiligen Pflichten« lösende Gattin und Mutter weitestgehend sprachlos zu inszenieren – aber keineswegs ohne Laut. Wie schon zuletzt in »Medea« (Strandgut 1/2012) geht Kortmann die klassische Vorlage ohne jede Ehrfurcht an – und mit einer Vorliebe für schräge Bilder, schreiende Farben und schrille Töne. Dieses Mal aber, ohne zu überziehen. Also wird gezirpt, gesäuselt und gegurrt beim rituellen abendlichen Mahl, das Nora im Ballettröckchen auftischt, also wird auch ein wenig genölt, gemurrt und gegrummelt, wenn es mal nicht so lecker schmeckt. Als schließlich aber geraunzt, gegeifert und geknurrt wird unter Helmers stockbiederem Dach, ist es um die Idylle in der Endlosschleife geschehen: Der Ruf des zum Bankdirektor avancierten Gatten gerät durch einen alten Urkundenschwindel Noras in Gefahr – und muß gerettet werden.Es ist nicht zwingend, aber hilfreich, sich im Schauspielführer (noch einmal) die Figuren des Stücks ins Gedächtnis zu rufen. Daß der am Tropf hängende onanierende Halbtote (Felix Bieske) den sterbenden Freund und hoffnungslosen Verehrer Noras, Doktor Rank, darstellt, darauf kommt man nicht zwingend sofort. Noras Freundin Christine (Nora Kokosha) und der arbeitslose Erpresser Krogstadt (Thomas Schedl) sind dagegen leichter zu erkennen. Kortmann hat das Stück mutig entmufft und gibt ihm mit dem überraschenden Rückfall in die originale Textfassung am Schluß sogar eine neue Wendung. Mit Annika Reinicke und Helmut Meder sind die Hauptrollen in diesem mit viel Sinn für Details aufgetischten Augen- und Ohrenschmaus überaus glücklich besetzt. Nichts wie hin!

Termine: 2. + 3.2.2013, 20 Uhr

 

Swing againHeißer Tanz

Junges Schauspiel Frankfurt: Swing Again

Ihre Welt ist eine Scheibe – mit Rillen. Die Swing-Kids der dreißiger Jahre gelten als die erste globale Jugendbewegung unter dem Banner der Musik und des Lifestyle. Im Deutschland der Nationalsozialisten wächst den durch Kleidung, Frisur und Gesten auf ihre Individualität und Freiheit pochenden Liebhabern des aus den USA herüberschwappenden Swing nolens volens politische Bedeutung zu. Um diese geht es dem Ensemble des Jungen Schauspiels Frankfurt in Swing Again.Dem Gleichschritt von Hitlerjugend und Bund deutscher Mädchen (BDM) sind die Swing-Kids eine Provokation, und wollen es auch sein. »Swing Heil« lautet ihr Slogan. Die Staatsmacht wertet ihren Nonkonformismus indes als zersetzend und begegnet ihm mit immer offenerer Repression. Die von Martina Droste (Theaterpädagogin) inszenierte und den zehn Darstellern in der Swingstadt Frankfurt recherchierte Bühnenarbeit (Autorin Tina Müller/Droste) setzt den Zuschauern indes keine traurigen Geschichten aus schrecklichen Tagen vor, sondern eine Auseinandersetzung mit der Frage: Wie hätte ich mich verhalten?Auf der Bühne des Kammerspiels wird der Kosmos der Swing-Jugend durch eine drehbare Rundplattform im Muster einer Schellackschallplatte symbolisiert. Der Übersong »Goody Goody« (1936) klingt auf, die Finger schnipsen, die Beine zucken, es wird – mitreißend – getanzt. Keine Frage zunächst für die 15 bis 23 Jahre alten Spieler, daß sie dabei gewesen wären. Mit den Geschichten aber kommt Unsicherheit auf: mit der von dem 16 Jahre alten Schüler, der nach drei Monaten Folter immer noch nicht wußte, was man aus ihm herausprügeln wollte; oder der von der verliebten Kitty, die ausgerechnet einem Nazispitzel die Freunde verriet. »Hättest du mit mir, einer Halbjüdin, getanzt?« fragt eines der Mädchen und erhält nun ein »Ich weiß es wirklich nicht« zur Antwort.Die immer bewußter geführte Auseinandersetzung wird zu einer Standortbestimmung der eigenen Identität. Die vielen Schüler in dieser Vorstellung sind gebannt und am Ende vom Spiel, den flüssigen wie süffigen Choreographien und einem plausiblen Ernst, den man greifen kann, begeistert. Eindeutiges Urteil: Goody-Goody.

Termine:17.2.  sowie 1. + 2.3.2013,  20 Uhr

Exif_JPEG_PICTUREPolitischer Lackmustest

Daedalus Company im Gallus-Theater: Protest

Erst erstaunt das Stück. Und dann die Tatsache, daß eine so intelligente wie fesselnde Arbeit wie »Protest« von Vaclav Havel auf deutschen Bühnen nicht schon längst etabliert ist. Knapp 35 Jahre ist es her, daß der vor zwei Jahren gestorbene Schriftsteller und spätere Präsident der Tschechoslowakei (1989 -91) wie Tschechiens (1993-2003) mit dieser Arbeit die aus Einaktern bestehende Vanèk-Trilogie abschloß. Er reflektiert darin seine Erfahrungen als oppositioneller Intellektueller nach dem Ende des Prager Frühlings. Fünf Jahre insgesamt saß er in dieser Zeit im Gefängnis.In diesen einfühlsamen Situationsstudien spürt Havel jene subtilen Prozesse der Anpassung und des Sich-Einrichtens auf, die weit über historische, geographische und weltanschauliche Grenzen weisen und interessieren. Mit der passiven Figur des wortkargen Dissidenten Vanék kreiert er sein Alter Ego und einen politischen Lackmustest der Verhältnisse. In »Protest« konfrontiert Havel den gezeichneten politischen Outlaw mit dem etablierten Schriftstellerkollegen Stanek, der den »Profi-Protestierer« aus durchsichtigen Gründen für eine Petition einspannen will. Mit so abenteuerlichen wie in sich schlüssigen Argumenten begründet der längst mit den Verhältnissen Versöhnte, weshalb er diese selbstverständlich nicht persönlich unterzeichnen kann. Erreichen kann der Etablierte sein undurchdringliches Gegenüber aber nicht, auch nicht mit Geld und mit Beziehungen.Das tragikomische Dialogspiel ist in der famosen Inszenierung der Daedalus Company auch eines der Körpersprache. Was Stanek trotz brillanter Rhetorik einfach nicht gelingen will, nämlich Vanék zu greifen, versucht er in einer Art Übersprunghandlung mit seinen immer drängender auf Berührung gehenden Händen. Das eindringliche Spiel Michael Günthers konturiert den zunächst so souveränen als einen ersichtlich verunsicherten Mann, den es kaum auf dem Sitz hält. Stoisch, auf nichts als seine Integrität bedacht, treibt Christoph Stein sein Visavis zur selbstverleugnenden Entblößung, ohne auch nur einen längeren Satz zu sagen. Nach der Vorstellung kann man sich mit Attac für die Vermögensumverteilung einsetzen – per Unterschrift.

Termine: 5., 6., 8., 9.2.2013, 20 Uhr

tr-hesselbachs-anja-kuehnNicht ohne die Mama

Keller Theater: Die Hesselbachs

Familienschwänke leben von der Ausstrahlung ihrer physiognomisch festgezurrten Alten, den Charakterköpfen. Die Jungen haben es dagegen schwer. Das ist auch bei den Geschichten der Frankfurter Verlegerfamilie Hesselbach so, die ganz auf die Popularität von Babba Karl und Mama Marie Mathilde sowie ihrer Putze Frau Siebenhals bauen – und zugeschnitten sind. Gut für das Keller-Theater und seine neue Produktion, die Rollen der beiden Familienoberhäupter mit Regisseurin Doris Enders und Thomas Steinkopff markant besetzen zu können und mit Andrea Pischel-Lustig auch für das dienende Gewerbe eine schräge Lösung zu haben. Daß die Spielstätte nun – auf gut hessisch – mit einem Dabbel-Fietscher in Großbesetzung (elf Darsteller) aufwartet, macht dies umso deutlicher.Rund um das gemütliche rote Sofa vor der mit wenigen schwarzen Pinselstrichen skizzierten Frankfurt-Altkulisse zieht zunächst »Die Simulantin« alle hypochondrischen Register. Es ist natürlich die Mutter, die sich zum Leidwesen aller und der Verblüffung des Arztes (»Kenne Sie mir net wenigstens e bissi was verschreiwe?«) nun mal krank viel wohler fühlt – bis sie der schlaue Gatte hereinlegt. Ein quietschvergnügliches Stück mit überzeugenden Dialogen. Obwohl »Der Dieb« nach der Pause die schlüssigere Story hat, reicht diese Aufführung um einen verdächtigen Schlosser mit Multikulti-Migrationshintergrund nicht ganz an diese erste heran, enttäuscht aber nicht. Doch so sehr sich das Ensemble um das hier prima aufgelegte Frollein Pinella auch müht: Mit Mama ante portas und einem auf Teilzeitpräsenz gekürzten Familienchef gerät der Haussegen aus der Balance.

Termine: 8., 9., 15., 16,, 22., 23.2.2013, 20.30 Uhr
Winnie Geipert

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