Struwwelpeter-Museum: »Struwwelpeter wird Soldat«

Mobilmachung im Kinderzimmer

Für Kinder am südlichen Ende der Leseschwelle ist die Ausstellung, die das Frankfurter Struwwelpeter-Museum jetzt eröffnet hat, nur bedingt geeignet. Dafür gibt es trotz vieler Bilder und origineller Exponate viel zu viel Text zu verarbeiten. »Struwwelpeter wird Soldat« heißt die beachtenswerte Schau, die das Museum im Rahmen der Erinnerungsveranstaltungen an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus den eigenen Beständen erstellt hat.
Sie beleuchtet, wie die von dem Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann kreierte Figurenwelt um seinen ungekämmten Titelhelden vor dem, im und für den Ersten Weltkrieg propagandistisch buchstäblich ausgeschlachtet wurde. Aber sie illustriert auch, wie der weltweit populäre Gedicht- und Zeichenzyklus als Folie von kritischen Parodien des Militarismus diente. Insbesondere England nutzte den populären »Shockheaded Peter« zu spöttischer Gegenpropaganda, indem man etwa einen »»Swollen Headed William« kreierte. Gut 100 Gegenstände liegen im Parterre des Westend-Hauses in Schaukästen und einer Vitrine aus, jede Menge Bilderbücher, Kinderspiele, aber auch Accessoires des kindlichen militaristischen Bedarfs vom Zinnsoldaten bis zur Pickelhaube und Uniform. Ein Dutzend informierender Wandtafeln säumt die eckige Erkundungsrunde.  
Indes war auch Struwwelpeter-Schöpfer Heinrich Hoffmann kein dezidiert antimilitaristischer Zeitgenosse, sondern ein großer Bewunderer des wilhelminischen Kaisers. Schon im Prologbild der 1845 zuerst erschienenen Urausgabe, das dem Weihnachtsengel gewidmet ist, gehören Säbel, Gewehr und Zinnsoldat genauso selbstverständlich zum Wunschkanon des Kindes wie heute die Pump-Gun und ein ordentliches War-Game für den PC.  
Wesentlich erschreckender als die fast zeitlose Waffenfaszination ist die bewusst kalkulierte Manipulation von Vorurteilen in Kinderbüchern gegenüber den als den deutschen Erzfeinden erkannten Franzosen, Engländern und Russen, sowie die Verherrlichung des Krieges. Der Titel der Schau zitiert eine als Weihnachtsmärchen realisierte so genannte Kinderkomödie von 1915, in der das renitente Personal aus Hoffmanns Buch regelrecht gedreht wird und sich mit Struwwelpeter zum vaterländischen Dienst meldet. Hans (Guck-in-die Luft) späht nun nach feindlichen Fliegern, der Daumenlutscher ersatzbefriedigt sich nun mit einer Trompete und Kaspar wünscht sich mit der Feldpost von Pauline, die ihre pyromanischen Kenntnisse zum Kuchenbacken nutzt, Suppenwürfel an die Front. Dass Peter zum Friseur geht und sich auch die Fingernägel stutzen lässt, versteht sich von selbst.
Der Historiker Sebastian Haffner reflektiert in seinen autobiographischen »Erinnerungen 1914 bis 1933« die verhängnisvollen Folgen der tief ins Kinderzimmer reichenden mentalen Mobilmachung für Deutschland. »Die eigentliche Generation des Nazismus sind die in der Dekade 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg, ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit, als großes Spiel erlebt haben.« In Knittelversen verfasste Kriegsbilderbücher wie »Unsere Feinde«, »Lieb‘ Vaterland, magst ruhig sein« und »Hurra!« stützen diese Einschätzung eindrucksvoll.

Winnie Geipert

Bis 31. Oktober 2015: Di. bis So. 10 – 17 Uhr
www.struwwelpeter-museum.de

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