»Still Alice« ab 5.3.2015 im Kino

fr_0312_Still_Alice1_c_BSMStudioGegen das Vergessen

»Still Alice – Mein Leben ohne gestern« von Richard Glatzer und Wash Westmoreland

»Hallo Alice, ich bin du«, sagt Alice in einer Videobotschaft an sich selbst. Denn als sie diese Aufnahme gemacht hat, konnte sie nicht sicher sein, dass sie sich einige Monate später noch erkennt.

Alice Howland (Julianne Moore) ist gerade einmal 50, als man bei ihr Alzheimer diagnostiziert. Die angesehene Linguistik-Professorin und Mutter dreier erwachsener Kinder steht mitten im Leben. Der mit der Krankheit einhergehende Gedächtnisverlust trifft sie als Intellektuelle besonders hart. Zunächst ist es nur ein Wort, das ihr bei einem Vortrag nicht einfallen will. Dann vergisst sie eine Verabredung zum Dinner und findet nach einer Jogging-Runde nicht mehr nach Hause zurück. Es ist eine Krankheit, für die es keine noch so hypothetischen Heilungschancen gibt. Man kann nur mit den eigenen Ressourcen gegen den geistigen Verfall ankämpfen und muss sich gleichzeitig damit abfinden, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist. Davon erzählt »Still Alice« von Richard Glatzer und Wash Westmoreland mit einer Sensibilität und Radikalität, wie man es im Kino bisher noch nicht gesehen hat.
Der Film verschreibt sich der Sicht der Erkrankten, die, auch wenn sie die blanke Verzweiflung oft überkommt, mit großer Hellsichtigkeit in ihre Zukunft blickt. Sie stellt sich einen Fragenkatalog zusammen, den sie jeden Tag neu durchgeht. Was geschehen soll, wenn sie diese Fragen nicht mehr beantworten kann, erklärt sie sich selbst in jenem Video, in dem genau beschrieben wird, wo die Schlaftabletten versteckt sind und wie sie eingenommen werden müssen. Ihre Familie ist schockiert von der Diagnose, zumal es sich hier um eine seltene,
erbliche Form von Alzheimer handelt. Ehemann John (Alec Baldwin) tut sein Bestes, aber dass Alice im Verlauf der Krankheit zu einer anderen wird, kann er nicht ertragen. Einzig die jüngste Tochter Lydia (Kristen Stewart), die als wenig erfolgreiche Schauspielerin das schwarze Schaf der Familie ist, scheint in der Lage zu sein, sich offen und ehrlich mit der erkrankten Mutter auseinanderzusetzen.
»Still Alice« besticht durch die sensible Klarheit, mit der hier auf die verheerenden Auswirkungen der Krankheit geblickt wird, die letztendlich auf den Verlust der eigenen Persönlichkeit hinausläuft. Was ist ein Mensch, wenn die Erinnerung an die eigenen Erfahrungen, das gelebte Leben und die geliebten Menschen verloren gehen? Solch existenziellen Fragen stellt »Still Alice« auf direkte und behutsame Weise. Dabei steht die Darstellung von Julianne Moore im Zentrum des Filmes, die ihre Figur nie auf das Opferdasein reduziert, sondern deren starke Persönlichkeit, die von der Krankheit sukzessive angegriffen wird, im Fokus behält. Moore überzeugt vor allem in den nonverbalen Momenten, in denen sich das Vergessen und die Erschütterung darüber in ihrem Gesicht abzeichnen. Der Film begegnet Alice mit Zärtlichkeit, Respekt und einer großen Offenheit für die emotionalen Widersprüche, die diese Krankheit bei Betroffenen und deren Nächsten freisetzt.

Martin Schwickert (Foto: © BSM Studio)
STILL ALICE – MEIN LEBEN OHNE GESTERN
von Richard Glatzer u. Wash Westmoreland, USA 2014, 101 Min.
mit Julianne Moore, Kristen Stewart, Kate Bosworth, Alec Baldwin
nach dem Roman von Lias Genova
Drama
Start: 05.03.2015

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