Städel: William Hogarth

© Städel Museum ArtothekMit der Hand in der Hose

Städel-Museum zeigt William Hogarths Blick von unten auf die »Laster des Lebens«

Ein Café, in dem nur lateinisch gesprochen wird: Der Lehrer Richard Hogarth hat die hippe Geschäftsidee eines Themenlokals Anfang des 18. Jahrhunderts in London umgesetzt – und fiel damit ordentlich auf die Schnauze. Er musste, wie damals üblich, samt Familie ins Fleet Prison einrücken, das Schuldnern und Bankrotteuren zugedacht war.
Zu dieser Kindheitserfahrung am untersten Ende der sozialen Hierarchie habe sich der Maler und Grafiker William Hogarth (1697 – 1764) nie explizit geäußert, heißt es. Das Frankfurter Städel demonstriert nun aber, wie stark dieser Blick von unten auf die englische Gesellschaft in seinen Werken verankert ist. »Laster des Lebens« lautet der einladende Titel der Schau, die in jedweder Deutlichkeit die abtrünnigen Seiten der Konvenienz fokussiert – Hogarths Heroes sind nicht eben Vorbilder. In den Räumen der Graphischen Sammlung des Städel sind aus Anlass des großen Hausjubiläums (200 Jahre Städel) in einer Auswahl 70 seiner Druckgrafiken und Kupferstiche aus dem eigenen Fundus zu sehen: Arbeiten, die zu den Grundbeständen der Stiftung gehören und in dieser Fülle zuletzt vor mehr als 40 Jahren gezeigt worden sind.
Im Mittelpunkt der Werkschau stehen die drei großen »modern moral subjects« des Künstlers »A Harlots Progress« (1732), »A Rakes Progress« (1735) und »Marriage à la Mode« (1745) – mehrteilige moritatenhafte Bildergeschichten auf Kupferstichen, die das gesellschaftliche Leben der Zeit in andeutungsreicher Detailfülle widerspiegeln und dabei so zugespitzt sind, dass nicht nur der Moralapostel, sondern auch der Voyeur seine helle Freude gehabt haben dürfte. So erzählt das erste Bild des sechsteiligen »Werdegang einer Hure« von der Ankunft der aus dem ländlichen York angereisten Molly Hackabout in London. Während zwielichtige Typen ihre Mitgefährtinnen mit Geldscheinen aus dem Planwagen zu locken versuchen, lässt Molly, die offensichtlich weiß, was sie will, von der Puffmutter des Etablissements »Bells Inn« auf ihre Tauglichkeit prüfen, während sich am Eingang im Hintergrund der potenzielle Freier schon mal in seiner Hose zu schaffen macht. Mollys Karriere führt als Abstieg in Raten über das Arbeitshaus und auszehrende Krankheit zum Tod im Alter von 23 Jahren. Dabei erschließt sich keines der Bilder ganz auf den ersten Blick – Hogarths Cartoons wollen nicht betrachtet, sondern bis in die letzte Strichzeile gelesen werden. Ein Teil des Personals, das kunstvoll in Szene setzte, war für die Zeitgenossen durchaus identifizierbar.
Mit anderen Arbeiten mischt Hogarth bewusst in aktuelle Diskussionen ein. Das Doppel »Beer Street« und »Gin Lane« zielt auf ein Verbot der harten Droge Schnaps, wobei es, üppig illustriert, dem zuträglichen Genuss des Bieres als Quelle des Wohlstands die verheerenden Folgen des Gin-Konsums der armen Leute gegenüberstellt. Als Patriot zeigt Hogarth Flagge, indem er den Kriegsgegner Frankreich verhöhnt: Die sich von Froschschenkeln ernährenden Hungerleider – nur ihr katholischer Pope ist dick –  sind voller Neid auf die britische Küche. Immerhin haben sich diesbezüglich die Zeiten geändert. 

Lorenz Gatt
Bis 6. September 2015: Di. bis So. 10 –18 Uhr, Do., Fr. bis 21.00 Uhr
www.staedelmuseum.de

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