Staatstheater Wiesbaden: Martin McDonaghs »Hangmen«

Stringent am Strang!

Zwei Tote, ein Schicksal, es ist wahrlich zum Lachen. Der eine stirbt mutmaßlich unschuldig nach Richterprozess, der andere eher aus Versehen. Gemeinsam ist den beiden nicht nur, dass sie am Strang, sondern auch vor den Augen des Wiesbadener Staatstheaterpublikums enden, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Bühne.
Public Hanging, das ist der Stoff aus dem böse britische Komödien sind. Es ist eine irische, um genau zu sein, deren Autor, Martin McDonagh, in Deutschland (und anderswo) auch als Oscar-nominierter Drehbuchschreiber und Regisseur des Spielfilms »Brügge sehen… und sterben?« bei uns bekannt wurde. Mit der Komödie »Hangmen« feierte er nach langer Abstinenz und allem, was darüber zu lesen steht, eine mit Lob und Preisen überhäufte Rückkehr zur Bühne.
Fragen wir also: warum, zum Henker? Nun, weil sich die sympathische Verbindung von Gewalt und Humor in »Hangmen« darauf bezieht, dass erst 1965 wegen der erstrebten Aufnahme in die Europäische Union – ein Schuft, wer da an die Türkei denkt – die Todesstrafe auf der Grünen Insel abgeschafft wurde. Die Hommage an einen also gerade erst verblichenen Berufsstand wird an der (imaginierten) Nummer Zwei der Zunft aufgeknüpft: Hangman Harry, der als Pub-Besitzer noch immer grollt gegen den berühmteren Kollegen Pierrepoint, wie der letzte Hangman Irlands tatsächlich hieß. In einem Zeitungsinterview macht dieser Harry aus seiner Abneigung keinen Hehl und wirft jenem vor, nur deshalb mehr Menschen gehenkt zu haben als er, weil er nach dem Krieg mit den vielen deutschen Nazis habe punkten können, wobei die Heiterkeit im Saal an diesem Punkt eher dezent bleibt. Die alte Rivalität jedenfalls liefert den  einen Strang des Plots, der zweite entrollt sich ­buchstäblich  und stringent durch einen merkwürdigen fremden und unangenehmen Gesellen, der einen dunklen Fall um ein vermeintliches Justizopfer, das Harry liquidierte, zur Sprache bringt.
Regisseur Ingo Kerkhof lässt dem Stück jede Zeit, das schräge versoffene Völkchen um den Tresen in Harrys Kneipe zu exponieren, wo es in herrlichen Dialogen Tratsch und Vorurteile pflegt und zwischen Dart und Pint die Musikbox anwirft, um die Songs der Swinging Sixties zu hören. Dem Gerät verdanken wir die mit Sonderapplaus bedachte köstliche Tanzeinlage zu Shirley Ellis »The Nitty Gritty« von Benjamin Krämer-Jenster, der auch als Schwerhöriger ganz Ohr sein kann – und schon mal Anwärter für den Nebenrollen-Oscar ist. So recht ins Rollen kommt der böse Schwank indes trotzdem nicht. Liegt es am Humor? An der Seite von Tom Gerbers arg trockenem Harry gefallen Evelyn Faber als hochtoupierte Wirtsgattin und Stefan Graf als leidig nölender  Fremder. Vor allem aber gefällt der in einem Kurzauftritt mit Bowler und Suit als Pierrepoint brillierende Uwe Zerwer, auf den sich Frankfurt in der Nach-Reese-Ära schon mal freuen darf.

Winnie Geipert (Foto: © Karl Monika Forster)
Termine: 21. Januar, 19.30 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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