Staatstheater Wiesbaden: »Die lächerliche Finsternis«

theater_kritik_wiesbaden_finsternis_c_lenaobst_0347Vom Grauen auf der Welt

Im Programmheft steht, dass das zum Theaterstück verarbeitete Hörspiel »Die lächerliche Finsternis« seinem Autor Wolfram Lotz zufolge auf Joseph Conrads Afrika-Roman »Im Herz der Finsternis« und Francis Ford Coppolas filmisches Vietnam-Epos »Apokalypse Now« beruht. Es gibt Szenen in dem von Felicitas Braun für das Studio in Wiesbadens Staatstheater inszenierten Stück, wie die Bootsfahrt zweier Bundeswehr-Soldaten auf dem Hindukusch-Fluss im afghanischen Regenwald – da könnte man von selbst drauf kommen.
Wichtig ist die Geistesbande aber nur, weil auch »Die lächerliche Finsternis« sich den Krieg und das Grauen auf der Welt vorgeknöpft hat und seine Darstellbarkeit. Das groteske, manchmal auch schrullige Ergebnis, zu dem tendenziell mehr gelacht wird als geweint, zeigt wie schwer es ist, etwas, das man nicht wirklich kennt, auf die Bühne zu bringen – wie die Piraterie und ihre Gründe im Indischen Ozean vor Ostafrika.
Lotz nimmt den Seeräuber-Prozess in Hamburg vor zwei Jahren gegen ein halbes Dutzend junge Somalier als Ausgangspunkt und eröffnet mit einem Monolog des »schwarzen Negers« und »gelernten Piraten« Ultimo Michael Pussi, der versucht,  seinem Richter in gepflegtem Deutsch – weil das die Sache einfacher macht – und in kindlicher Logik zu erklären, wie es dazu kam, dass er in seiner Heimat wegen der industriell leergefischten Seegründe nicht mehr Fischer sein konnte und deshalb an der Hochschule von Mogadischu sein Piraten-Diplom abschloss.
Die große Bootsfahrt der beiden Soldaten bildet den zweiten Teil des Abends. Ihr Auftrag, im Dschungel einen durchgedrehten Kameraden zwecks Liquidation zu orten, konfrontiert sie mit bizarren Gestalten. wie sie nur der Krieg gebären kann. Dem Krieg aber begegnen sie nicht, obwohl sie sich doch mittendrin wähnen. Selbst der Autor mischt sich ein, um eine seiner Figuren zur Räson zu bringen, und seine Mutter moniert, dass in diesem Stück wieder mal Frauen fehlen.
Vielleicht hat dieser Einwurf die Regisseurin ja bewogen, die Rolle des Pussi mit Kruna Savic  zu besetzen, die in roten Keilabsatzschuhen als femininen, und im grauen Arbeitsanzug als maskulinem Attribut vollkommen überzeugt. Gut gemacht auch, wie die Lichtregie das Publikum durch seine in den Gerichtssaal projizierte Schatten zu Beteiligten der globalen Ausbeutung macht. Wunderbar, in diesem mit vier Personen in  wechselnden Rollen bestrittenen Stück, wie der Ex-Frankfurter Christian Erdt als schneidiger Hauptfeldwebel Fellner seinen noch weichen, aber bemühten jungen Untergebenen Stefan Dorsch (mit tollem gestischen Spiel: Ulrich Rechenbach) zurechtzustutzen weiß, und Benjamin Jenster-Krämer, von der Sprachvirtuosität des Autors unterstützt, eine regelrechte Freakshow von Kriegsversehrten veranstaltet.
Eine karge Bühne und die feine Idee, einen Uralt-Campingwagen als Boot, Haus, Versteck zu nutzen, sind die Basis für die reibungslosen schnellen Verwandlungen des prima aufgelegten Quartetts. Schön überdies, dass die Technik auf jeglichen Schnickschnack verzichtet. Man verlässt das Theater beglückt und doch sehr nachdenklich. Und möchte alle reinschicken.

Katrin Swoboda (Foto: Lena Obst)
Termine: 31. Januar, 6. Februar, jeweils 20 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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