Staatstheater Wiesbaden: Arthur Millers »Hexenjagd«

Hexenjagd (Foto: Lena Obst)Teufelswerk und Priesters Beitrag

Lose dicke Bretter liegen quer auf der mit weißen Wollflocken übersäten schwarzen Bühne, hoch im Dunkel kreuzen sich schief zwei mächtige Balken zum christlichen Symbol. Fünf junge Frauen zucken ekstatisch kreischend unter Lichtblitzen zu den jaulenden Klagerufen der E-Gitarre von Jimi Hendrix‘ »Star Spangled Banner« und besudeln sich samt der Wände mit Blut.

Es ist ein neuzeitliches Nirgendwo zwischen Punk und Pink, indem Arthur Millers Drama »Hexenjagd« im Hessischen Staatstheater Wiesbaden anhebt. Die Inszenierung Konstanze Lauterbachs nimmt das um Massenhysterie und kollektiven Wahn kreisende Stück bewusst aus der Zeit, von der es erzählt (Salem, Massachusetts 1692), aber auch aus der in der es entstanden ist (McCarthy-Ära USA 1952 – 1954). Sie überlässt es dem Zuschauer, die Hexenprozesse puritanischer Siedler und die Kampagne gegen unamerikanische Umtriebe auf aktuellere Themen von NSA bis zu Pussy Riot zu beziehen, lädt aber mit Jimis immer wieder gespielter Hymne auch demonstrativ dazu ein.

Die im Übrigen wahre Geschichte handelt von streng religiös erzogenen Mädchen, die beim verbotenen Tanzen im Wald erwischt werden und sich damit erfolgreich heraus reden, von einer Hexe verzaubert worden zu sein. Die Minderjährigen bezichtigen zunächst eine alte Frau, dann aber wie aus Rache um ihre verlorene Jugend immer mehr Leute, im Bund mit dem Teufel zu sein, was in einem rasend um sich greifenden Klima der Angst Hunderte von Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen zur Folge hat und 25 Menschen das Leben kostet.

Arthur Miller legt die verdeckten wirtschaftlichen Interessen des historischen Konfliktes offen und reichert ihn mit einer erotischen Komponente an. Abigail Williams, die Pfarrersnichte und Anführerin der Gruppe, ist in den verheirateten Farmer John Proctor verliebt, mit dem sie ein kurzzeitiges Verhältnis hatte, das sich freilich auch als Missbrauch lesen lässt. Der reumütige Bauer muss erleben, wie Abigail seine Frau vor die Richter bringt und, weil er sich ihr verweigert, auch er zum Opfer der gnadenlos verselbstständigten Justiz- und Vollstreckungsmaschinerie wird, die nicht mehr hinterfragt und die Wahrheit sucht, sondern nur noch richtet.

Der mit der blinden Macht einer Dampfwalze alles und alle überrollende Prozess wird auf der Wiesbadener Bühne im zweiten Teil des Spieles so packend und dramatisch in Szene gesetzt, dass man öfter versucht ist, dem schreienden Unrecht Einhalt zu gebieten. Dazu tragen in einem durchgängig stark agierenden Ensemble von 16 Schauspielern vor allem der von Heiko Raulin grandios gespielte Richter Danforth und Michael Günther Bard als leid- und leidenschaftsgeprüfter John Proctor bei. Aalglatt und unnahbar weiß der Amtmann im silbergrauen Fashion-Anzug jede Aussage im Sinne der Anklage zu wenden. Mitreißend ringt der Bauer um Würde. Was für eine Szene, als er seine durch und durch verunsicherte Frau Elisabeth (Doreen Nixdorf wunderbar!) anfleht, nicht gerechter als Jesus Christus sein zu wollen. Unter den dem Teenie-Alter deutlich entwachsenen Wiesbadener Riot-Girls sticht Magdalena Höfner als Magd der Proctors heraus. Der überflüssige, zeremoniale Schluss (15 Jahre später gesteht eines der Mädchen den Schwindel ein) sei verziehen, setzt er doch Franziska Werner (als Mercy Lewis) in Szene. Ein spannender Abend.

Winnie Geipert
Termine: 8., 25. Januar, 19.30 Uhr
www.staatstheater-wiesbaden.de

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