Staatstheater Mainz nimmt »Kopflohn«
nach Anna Seghers wieder auf

Kopflohn: Kristina Gorjanowa, David Schellenberg (© Bettina Müller)Die Totschlag-Lösung

Schwarzweiße Planquadrate eines Landstrichs flackern auf der Bühnenrückwand des Staatstheaters Mainz. So sehen Strategen des Krieges auf eine Region – oder Ärzte auf Epidemien. Einer der eingezeichneten Orte muss Oberweiler sein, aus Anna Seghers Roman »Kopflohn«. Ein fiktives Dorf, in dem jeder fast alles von jedem weiß und mit jedem verbandelt ist und doch auf eigene magere Rechnung lebt. In der Wirtschaftskrise Anfang der 30er schlägt diese Nähe in allseitige Missgunst und allgemeine Verunsicherung um – und wird zum Nährboden des Nationalsozialismus.
Am Staatstheater Mainz werden wir durch den imaginären Druck auf die Rewind-Taste von heute in das Jahr 1932 zurückbefördert. Das heißt: Fünfzehn (!) Schauspieler und ein Kind tun das für uns, indem sie auf der mit viel dunklem Holz vermöbelten, schräg fallenden Bühne mit den Armen rudernd hastig rückwärts gehen, während uns akustisch aus dem Off zeithistorische Zitate von gestern (»Wir sind das Volk«), vorgestern (»Rahn schießt«) und vorvorgestern (»Wollt ihr den totalen Krieg?«) in das Endstadium der Weimarer Republik geleiten.
Da landen wir dann beim Bauern Andreas Bastian, der sich am Bau eines Brunnens finanziell überhoben hat, der seinem schwächlichen Töchterchen Dora das Wassereimerschleppen ersparen sollte. Ihm läuft ein noch ärmerer junger Mann zu, der für eine Schlafbank und eine Suppe bei der harten Arbeit hilft – und am Ende von den Nazis brutal erschlagen wird, während die kleine  Dora sich als Magd beim Bruder verdingen muss, wo sie mit gekrümmten Rücken über lange Feldwege Wassereimer vom Flusslauf schleppt. Der Theaterautor Dirk Laucke hat das Personal und den opulenten Stoff für seine von K.D. Schmidt inszenierte Bühnenfassung deutlich gestrafft und schafft es dennoch das dichte Geschehen aus Seegers Roman lebendig zu halten.
Wir erfahren aber nicht sofort, dass Johann auf der Flucht ist, weil er in Leipzig auf einer Demo einen Polizisten erstochen haben soll. Dass auf ihn ein sogar Kopfgeld von 500 Reichsmark ausgesetzt ist, weiß er nicht einmal selbst. Aber andere entdecken das Fahndungsplakat in der Stadt – und behalten es für sich. Das wundersame Stillhalten ist indes nur ein Mosaikstein unter vielen, die Laucke aus Seghers Vorlage zusammenträgt. Ein anderer erzählt den herzigen Flirt von Johann und Marie, ein dritter eine brutale Bauer-sucht-Frau-Episode, ein vierter wie vor den Augen aller eine Bäuerin von ihrem Mann vorsätzlich in den Tod getrieben wird, ein fünfter von der Hatz auf Kommunisten, ein sechster von der Schikane der Juden. Erstaunlich vor allem: Man verliert kaum den Überblick. Szene um Szene fügt das überzeugende große Ensemble zu einem eindringlichen sozialen Bild, das trotz des historisierten Rahmens kein museales wird, sondern ein erschreckend aktuelles.
Schmidts finale Finte, die seiner Hauptfigur Johann ein grausames Aus in der Endlosschleife bereitet, gehört zu den meistdiskutierten Szenen dieser Inszenierung. David Schellenberg gibt diese als recht naiven, guten Kerl und hat im Spiel mit Kristina Gorjanowas herrlich emotionaler Marie  seine besten Szenen.  Ein starkes Stück Theater zur rechten Zeit.

Winnie Geipert
Termine: 6., 15., 22.  September, 19.30 Uhr
www.staatstheater-mainz.de

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