Staatstheater Darmstadt zieht »Die Räuber« in den Trash

Im Tutu in den böhmischen Wäldern

Fragt der liebe große Bruder den fiesen kleinen: »Kannst du dem Vater bitte diesen Brief von mir überreichen?«“ –  »Klar doch«, antwortet der, »mach ich. … Nicht!«. So wird – in etwa – im Spielzeitheft des Staatstheaters Darmstadt  Friedrich Schillers Schauspiel »Die Räuber« angekündigt. Die augenzwinkernde Skizze des handlungstreibenden Konflikts zwischen dem gefühlsechten Karl und der Verstandeskanaille Franz folgt der Ansage des Intendanten, sein Publikum in dieser Saison mit besonders viel Humor verwöhnen zu wollen. Kein Scherz.
So weit, so lustig. Augenscheinlich hat Christoph Bornmüller vom Schauspielensemble bei seinem örtlichen Regiedebüt – seine zweite Regie insgesamt – an die Stimme seines Herrn gedacht. Von Start weg darf bei dem 1782 uraufgeführten Sturm-und-Drang-Klassiker gelacht werden über das auf sieben Figuren reduzierte Personal, das in dicker weißer Schminke seine zweistündige Mission unterstreicht: Commedia statt Drama, U statt E, Trash statt Tragedy.
In engen schwarzen Latex-Shorts, Springerstiefeln und Edelweißkniestrümpfen enthüllt uns Franz Moor (Nikolas Fethi Türksever) seine »Ungehaltenheit« über die Natur und über seine Stellung als Zweitgeborener in der Familie. Der Anblick seines enervierend krächzenden Vaters (Jörg Zirnstein) im goldenen Strampelanzug macht die Verachtung für seinen Erzeuger sogar verständlich. Sein Bruder Karl (Jannik Nowak) bläst mit Hippie-Stirnband wie Country-Joe in Woodstock (»Gimme an F«) zum Aufstand, nachdem ihn die von Franz intrigierte Nachricht über seine Enterbung erreicht In den böhmischen Wäldern zieht er mit Spiegelberg, von der guten Jeanne Devos weiblich gewendet, und Roller – natürlich von Samuel Koch im Turborollstuhl gespielt – seine aufrührisch-kriminelle Bahn: Devos  im Pulp-Fiction-Look von Umma Thurman, Koch mit Melone und Langhaarperücke, wie den Tiger-Lillies entlaufen. In irgendeiner TV-Schmonzette kommt gewiss auch Amalia (Maria Radomski) vor, die sich im rosa Wollkleid nicht nur dem Werk untreu werdend knutschend dem bösen Franz andient.
So weit, so trashig, lässt sich die Inszenierung durchaus vergnüglich an. Indem die Darsteller immer wieder aus ihren Rollen in Kontakt mit dem Publikum treten, entgräten sie auch das Stück von allem historischen Pathos. Als Franz (oder war es der Papa?) vor dem jungen Teil des Publikums gefühlte zehn Minuten sinniert, warum es wohl Bluts- und nicht Samenbande heißt, als seien die schwer von Begriff, verdichtet sich der Eindruck, dass die Brecht’sche Brechung der Hauptzweck und die skurril vorgetragene Distanz das Maß aller Dinge in dieser Aufführung ist. Und wird zur Gewissheit, als der alte Moor seiner Gruft im Ballett-Tutu entsteigt und »Je ne regrette rien« singt. Der Höhepunkt einer etwas übermotiviert wirkenden Szenencollage, in der nach Herzenslust geprügelt, geschrien, gerannt und gekalauert, aber kaum mehr spürbar wird, was das Stück eigentlich erzählt.
Neben dem mit einer eher akrobatischen Franz-Interpretation stark präsenten Nikolas Fethi Türksever gelingt es Samuel Koch am besten, seine Figur zu profilieren. Dabei profitiert der querschnittgelähmte Roller-Darsteller ausgerechnet davon, dass er nicht mehr in der Lage ist, zu brüllen, und sich so ganz – wunderbaren Witz entfaltend – auf seine wohlig sonore Stimme konzentrieren kann. Das Geschehen wird von David Kirchner, der auch eine kleine Rolle spielt, mit der E-Gitarre famos begleitet. Die vielen Schüler waren »voll und krass« begeistert.

gt (Foto: © Jan Motyka)
Termine: 17. ,  27. Dezember, 20 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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