Staatstheater Darmstadt: Wozzeck

Staatstheater Darmstadt: Zuschauerraum (Foto: Barbara Aumüller)Abgrund Mensch

Es ist erstaunlich, wie emsig kleinere Opernbühnen Wege außerhalb ausgetretener Pfade suchen, um vergessene Werke auszugraben. Das Opernhaus in Darmstadt gehört zu diesen löblichen Institutionen. Denn: wer weiß beispielsweise wirklich, daß es neben Alban Bergs Meisterwerk aus dem Jahre 1925 einen fast zeitgleich komponierten »Wozzeck« eines Herrn Manfred Gurlitt gibt? Dessen »musikalische Tragödie« in 18 Bildern und einem Dialog hält sich an Georg Büchners fragmentarische Vorlage insofern, als sie in knappen Szenen, musikalisch irgendwo zwischen Spätromantik und Franz Schreker angesiedelt, den dramatischen Impetus der Büchner´schen Vorlage trifft.

Wie kurzatmig folgen die musikalischen Szenen dem, malträtierten, ausgenutzten, von Ängsten zerfressenen Soldaten Wozzeck, sind – obwohl vom großen Orchester gestützt – jederzeit fragil, unsicher, bewegend, den Gemütszuständen des Büchner´schen Vorbilds wie maßgeschneidert. Das Sujet ist kurz wie dramatisch:

Der »Mensch als Abgrund: es schwindelt einen, wenn man hinabsieht«. Der einfache Soldat Woyzeck (aus einem Lesefehler wurde Wozzeck) wird von allen ausgenutzt, vom Doktor für Versuche mißbraucht, von seiner Marie betrogen – ausgerechnet mit dem schmierigen Tambourmajor, einem seiner Vorgesetzten. Wozzeck leidet unter Verfolgungswahn, Albträumen, tötet seine geliebte Frau, wirft das Messer in einen Teich und ertrinkt bei der späteren Suche danach.

Während Alban Berg in seiner Adaption Psychogramme komponiert, deren noch heute futuristisch anmutende Farben wie musikalische Klang-Reden unter die Haut gehen können, formt Zeitgenosse Manfred Gurlitt Harmonien wie theatralische Sprechgesänge, der griechischen Tragödie ähnlich. Wozzeck äußert einmal: »Wenn man kalt ist, so friert man nicht mehr.« Diese gefrierende Kälte ist in Gurlitts Musik komponiert.

Unverständlich, wie so oft, daß ein Komponist jener Jahre zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert so gänzlich von der Bildfläche verschwunden ist, obwohl ihm doch Meriten nachgesagt werden. Seine anfänglichen Verbindungen zur NSDAP, aus der er später wegen angeblich jüdischer Wurzeln seiner Familie wieder ausgestoßen wurde, können es nicht gewesen sein, wenn sein umfangreiches Gesamtwerk heute praktisch vergessen ist.

Unrühmliche Affinitäten dieser Art kennen wir auch von anderen Kulturgrößen, die der Akzeptanz ihrer Werke kaum geschadet haben …

Umso wichtiger und interessanter ist es, gerade zu Büchners 200. Geburtstag zwei »Wozzecks« miteinander konfrontiert erleben zu dürfen, die unterschiedlicher nicht sein können. John Dew, der scheidende und nicht unumstrittene Intendant das Darmstädter Opernhauses, wird ein weiteres Mal zeigen können, wes inszenatorischen Geistes er ist.

Bernd Havenstein
Termine: 27. Oktober (Premiere), 2. + 24. November, Staatstheater Darmstadt
Karten und Infos: www.staatstheater-darmstadt.de

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