Staatstheater Darmstadt: »Frau Müller muss weg«

Staatstheater Darmstadt: Frau Müller muss weg (Foto: Barbara Aumüller)Schlachtfeld Schule

Ein Stück wie eine Bank! Wie eine Schulbank, genau genommen. Mit »Frau Müller muss weg« trifft Deutschlands meistgespielter Theaterautor Lutz Hübner ins gesellschaftliche Mark des grassierenden Statusdenkens. Die Satire wird landauf, landab gespielt und sorgt nun auch in Darmstadt für Furore. Kaum angesetzt, ist sie im freilich braven Kammerspielrahmen (99 Plätze) auf Aberwochen ausverkauft.

Das muss vor dem Hintergrund der »Helikopter-Eltern« und angesichts dessen, dass es mittlerweile selbst an der Frankfurter Uni – das ist kein Witz – Elternsprechstunden gibt, nicht weiter wundern. Ein Selbstläufer, so haben vor einem Jahr viele mäßig besetzte Vorstellungen im freilich großen Fritz-Remond-Theater am Zoo (400 Plätze) gezeigt, ist die Bühnenmüllerin nicht. Das Staatstheater der Büchner-Stadt hat jedenfalls nichts dem Zufall überlassen und mit Uwe Zerwer, Karin Klein und Gabriele Drechsel sowas wie das Triumvirat des Hausensembles an Bord. Es präsentiert das Stück unter der Regie von Judith Kuhnert in einer auf 70 pausenlose Minuten verdichteten Fassung.

Hübner konfrontiert die nichts ahnende Lehrerin Müller (Stephanie Theiß) mit fünf Sturm laufenden Eltern, die sie zum Rücktritt als Klassenlehrerin ihrer Kinder auffordern. Kurz vor der Zeugnisvergabe an der schulischen Wegegabel (4b) Gymnasium oder Realschule sehen sie die Zukunft ihrer Zöglinge, vor allem sich selbst in Frage gestellt. Klar, dass hier nur die Lehrerin versagt haben kann.

Dumm indes, wenn die aufschneidend schneidige Ministerialbeamtin als Elternsprecherin (furios im Hosenrock: Evelyn Kühnreich) in einer solchen Situation entdecken muss, dass die Tochter Jeanine sich mit gefälschten Unterschriften immer wieder dem Unterricht entzieht. Wenn der cholerische, arbeitslose Vater (Andreas Vögler) als der Autor sämtlicher Hausarbeiten seiner Laura bloßgestellt wird. Oder die schwäbelnde Übersetzerin Marina (göttlich verzweifelt: Karin Klein) ihr Wunderkind Lukas als ADS-geplagten Schulhoftyrannen abgestempelt sieht, ohne dass ihr vorsichtiger Ingenieursgatte (eine Memme von Mann: Uwe Zerwer) etwas dagegen unternähme. Wie sich derweil meist mit Abstand im Abseits Gabriele Drechsel als keineswegs sorgenfreie Mutter des Klassenprimus Fritz in gequälter Solidarität windet, ist mehr als einen Seitenblick wert. Frau Müllers große Verteidigungsrede, ein reformpädagogisches Plädoyer, erhält jedenfalls den spontanen Beifall der mitgehenden Zuschauer.

Hübners Skizzen von Kindern unter rabiatem häuslichen Leistungsdruck, und von Eltern, die einen Horror davor haben, ihren Nachwuchs »arabischen Schlägertypen« auszuliefern, sind Zustandsbeschreibungen bundesdeutscher Wirklichkeit, die auch schauspielerisch kaum einer Zuspitzung bedürfen. Die Verführung zum Klamauk halten die Darsteller stand. Dass Hübner in die Eskalation auf dem Schlachtfeld Klassenzimmer eine Beziehungsepisode flicht, ist nicht zwingend, verschafft dem Zuschauer aber eine Atempause und eine Insel, auf der er nach Herzenslust schmunzeln kann. Denn zum Lachen ist an dieser genialen Komödie eigentlich wenig.

gt
Termine: 18., 28. Februar, 20 Uhr; 8., 19. Februar, 19.30 Uhr
Gastspiel in Wiesbaden
www.staatstheater-darmstadt.de

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