Staatstheater Darmstadt: »Das Mädchen aus der Streichholzfabrik«

Kälte im Heizungskeller

Ein Metallstab, der über die Rippen eines Heizkörpers schabt, verursacht das erste Geräusch auf der Kellerbühne des Kammerspiels am Staatstheater Darmstadt. Wie eine verstreute Herde weidender Schafe steht noch ein knappes Dutzend verrosteter Wärmegeräte auf dem grauen Grund, drei davon sind hoch an die Rückwand drapiert, eines entpuppt sich als schmelzende Form aus Eis. Gleich wird es wiederholt, dieses Rrratsch, aber es dröhnt und surrt jetzt auch, schrabbt und röhrt. Ein fett und fetter werdender mechanischer Rhythmus schafft sich Raum: kalter Industrie-Rock für Headbanger. Was für ein Einstieg!
Die Musik symbolisiert die Monotonie nicht nur des Arbeitslebens von Iris, der Titelfigur in »Das Mädchen aus der Streichholzfabrik«, die den Teilabschnitt eines vollautomatisierten Produktionsablaufs zu überwachen hat.
In ihrer Theaterfassung des legendären Films von Aki Kaurismäki (mit Kati Outinen in der Hauptrolle) setzt die Regisseurin Julia Hölscher die Tristesse in der Fabrik effektvoll mit Licht-Klang-Effekten um, und die Tristesse von Iris‘ im Submilieu angesiedeltem Zuhause mit feinen choreografischen Ideen. Auf ihre Eltern geht sie mit ausgebreiteten Willkommensarmen zu: um ihnen den Griff in ihre Taschen zu erleichtern. Sie muss ihren Verdienst abliefern, und das schöne neue Kleid in leuchtendem Orange darf sie auch nicht behalten. Die Arme.  
Hölscher gelingt es, Kaurismäkis fast dialogfreie Geschichte in eigene Bilder zu übertragen. Es dauert fast 15 Minuten –  länger als im Film – bis das erste Wort fällt in diesem Drama um eine vereinsamte, aber auch schlichte junge Frau, die ihre Träume aus Julia-Romanen zieht und nach einer unglücklichen Liebe mit Schwangerschaftsfolge zum mordenden Racheengel mutiert. Das kleine Glück, das Iris die Begegnung mit dem Schnösel Aarne in einer Disco zu verheißen scheint, erleben wir als leidenschaftliches mit Tangoklängen untermaltes, akrobatisches Tanzduett; den Weg zum befreienden Final Countdown ebnen die Beatles mit »Revolution«.
Mit der knallblonden Katharina Hintzen ist Iris nicht nur wegen ihres tänzerischen Talents idealbesetzt, die Schauspielerin weiß auch eine nachgerade finnisch-melancholische Duldermiene aufzusetzen. Stark agieren die wie Hintzen aus dem alten Darmstadt-Ensemble rekrutierten Gabriele Drechsel und Gerd K. Wölfle als grundböses prekäres Elternpaar, dass in seinem letzten Tango aber immerhin verschollene Gefühle ahnen lässt. Julius Börnemann weiß den Arschloch-Arne als schneidigen Tänzer zu geben, in den sich Iris verliebt, ihren Bruder spielt der Frankfurter Schauspielstudent Josia Krug.
Eine waschechte Premiere ist die zu recht umjubelte Darmstädter Inszenierung indes nicht. Hölscher hat mit dem Projekt schon 2007 grandios ihr Regiestudium abgeschlossen und hält an Bühne (Christina Mrosek), Kostümen (Uli Smid) und Musik (Tobis Vethage) fest. Ihr Mentor war Andreas Kriegenburg, den wir auf Seite 18 für seine Inszenierung von »Glaube Liebe Hoffnung« feiern.

Winnie Geipert (Foto: Sandra Then)
Termine: 1., 16., 18., 19. November, jeweils 20 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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