Sprungturm-Festival Darmstadt mit 12 Gruppen aus 8 Ländern

Der nackte Wahnsinn

Da werden sich nicht nur die mit Sommertheaterfestivals reichlich beglückten Frankfurter die Augen reiben; denn das radikalste und wildeste von allen im Rhein-Main-Gebiet (und weit darüber hinaus) geht im Darmstädter Martinsviertel über die Bühne: das bereits dritte Sprungturm-Festival. Sein Namensgeber vom mitten in der Stadt liegenden Naturbadesee Woog wird in diesem Jahr allerdings nur bei der Eröffnungsfeier am 3. August Pate stehen. Spielstätte ist das Gelände des »HoffART«-Theaters, wo in zwei Blöcken (5.–7. und 10.–12. August) 60 Künstler aus Bildender und Darstellender Kunst in 12 Gruppen aus 8 Ländern auf drei Outdoor- und einer Indoor-Bühne 28 Vorstellungen geben.
Besonders stolz ist Hanno Hener, der das Festival mit Victor Schönrich auf die Beine gestellt hat, dass er das weltweit tourende Duo »Take Down« aus Tel Aviv als Vertreter der hochrangigen israelischen Tanzkunst gewonnen hat. Die gleichnamige Choreografie von Dror Liberman und seiner Bühnenpartnerin Kazuyo Shionori spürt in einer wild-wütenden Wrestler-Persiflage die dunklen Spuren der eigenen Gewaltakzeptanz auf und sucht nach Gegenstrategien: ein »kraftstrotzender Pas de deux« (5. & 6. August).
Gleich dreimal gibt die Compania Barraca Teatro aus Bogotá ihr in Südamerika gefeiertes Stück »Trenza Caída«, was dem ›abgeschnittenen Zopf‹ recht nahe kommt. Der Titel steht für eine ohne Sprache auskommende mimische Interpretation von Anton Tschechows »Drei Schwestern«. Die Kolumbianer haben hier schon im Vorjahr mit der körperbetonten Shakespeare-Adaption »Romeo und Mercucio« beeindruckt.
Mit zwei Vorstellungen ihres Saisonkrachers »TECHNO – temporäre autonome zone« ist auch die theaterquarantäne von Hener und Schönrich in ihrem Heimathafen dabei: Die Mitglieder der Hausgruppe stürzen sich und ihr Publikum in einen nicht enden wollenden ekstatischen Tanzrausch um drei mächtige Berliner-Mauer-Kuben, auf denen neben Graffitis und Parolen als solidarischer Gruß nach Berlin das Rad der Volksbühne auszumachen ist. Vom Sound des DJ und den Live-Riffs der Messerbrüder (mit Freie-Szene-Ikone Julia Rothfuchs) getrieben, geht das Ensemble mit viel Haut, viel Latex, viel Schweiß und fließender Schminke dem politisch-kulturellen Impetus des Techno im Umfeld der Wiedervereinigung in Berlin nach. Das fetzende Szenenpatchwork aus Happening und Satire pocht mit drastischen Bildern auf nichts weniger als die sozialrevolutionäre Potenz dieser Musik durch enthemmte Sexualität. Zwischen einem Megaschwanz-Ballett, ultradreckigen Dialogen aus den Club-Höhlen und einer Demo von DIN-genormtem Beischlaf werden Zitate von Rainald Goetz und Hakim Beys titelgebendem »T.A.Z« sowie Thomas Brussigs krasse Geschichte vom Mauer-Phall (»Helden wie wir«) eingestreut. Dazu gibt es den Technotanz um das Goldene Kalb, den Auszug der Kinder Israels und »ein einig Volk von Schwestern und Brüdern«. Wie in einer tosenden Brandung kommt man sich vor, in die sich Welle um Welle wälzt und bricht. (6. & 7. August).
Das Gegengift zu »TECHNO« könnte aus Jordanien kommen. Abed Husam und das Dafa-Theater bitten mit »Smooth Life« jeweils acht Gäste zu Tisch, um diesen mit ihrem Puppenspiel und Musik die sehr persönliche Geschichte einer Auswanderung aus Israel zu erzählen. Weiter mit dabei sind bataljonen aus Göteborg, das Theatre Nout aus Paris, die Lovefuckers aus Berlin sowie Steffen Link aus Wien, Schmidt & Schulz aus Mainz sowie Niklas Fiedlers Zarathroxa-Projekt aus Frankfurt. Über Tickets, Stücke, die Gruppen und den genauen Ablauf informiert der nachstehende Link.

Winnie Geipert (Foto: © Vojtech Brtnicky)
Termine: 3., 5.–7., 10.–12. August
im Darmstädter HoffART-Theater
www.theaterquarantaene.eu

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