SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!

Das DAM macht für den Brutalismus mobil

Schon der Titel der aktuellen Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum zeigt, dass es hier um mehr gehen soll, als um eine Bestandsaufnahme der brutalistischen Architektur. Nein, das gemeinsam mit der Wüstenrot Stiftung initiierte Projekt, ist mehr als jene Schau, die am 2. April enden wird. Es geht um nicht weniger als eine Rettungskampagne, um eine Datenbank, um vieles mehr. Eine Online-Kampagne gibt es auch unter www.SOSBrutalism.org.
Ausstellung und Projekt wollen die brutalistische Architektur der 1950er- bis 1970er-Jahre im weltweiten Überblick vorstellen. Doch am Anfang muss der Begriff geklärt werden: Auch wenn viele der Entwürfe als »brutal« empfunden werden könnten: Der Begriff geht zurück auf »béton brut«, auf den französischen Ausdruck für Sichtbeton.
Sichtbeton ist das Material, mit dem diese rohe, expressive Architektur gebaut ist. Im DAM geben große Modelle, Betongüsse, Baubeschreibungen und sehr gute Architekturfotografien Aufschluss über eine Architekturbewegung, die sich auf der ganzen Welt entfaltete. Zu sehen sind unter anderem Gebäude in Japan, Brasilien, dem ehemaligen Jugoslawien, Israel, Großbritannien, Marokko, der ehemaligen Sowjetunion, Frankreich, England, Tunesien, Papua-Neuguinea oder Indien.
Oliver Elser, der Kurator der Ausstellung, stellt in der Ausstellung dar, wie sich die Geister am Brutalismus scheiden. Das beste Beispiel dafür findet man in Frankfurt selbst, das seine Betonperlen so gar nicht mochte, ganz im Gegensatz zu den Offenbachern, die ihr Brutalo-Rathaus mehr schätzen. Das Technische Rathaus Frankfurt, das Historische Museum oder auch der AfE-Turm der Universität wurden noch in jüngster Zeit abgerissen – »Schandflecke« inmitten der touristischen Römer-Idylle.
Man muss kein empörter Gegner idyllischer Als-Ob-Fachwerkarchitektur sein, um den brutalistischen Beton-Entwürfen etwas abzugewinnen. Viele der grauen, monumentalen Bauten überzeugen durch ihren skulpturalen Reiz, wie etwa die Kirche Sainte-Bernadette du Banlay, die 1966 im französischen Nevers fertiggestellt wurde. Von besonderem Charme ist auch der Entwurf von Fritz Wotrubas Dreifaltigkeitskirche in Wien-Mauer, erbaut zwischen 1971 und 1976.
Wotruba, gestorben 1975, war kein Architekt, sondern in erster Linie Bildhauer. Und wie Kunstwerke, wie Objekte der Bildhauerkunst, werden die Modelle der Bauten in Frankfurt auf Sockeln präsentiert. Diese Architektur ist Kunst? In diese Richtung jedenfalls kommentiert Elser die Ausstellung: »Wir zeigen die brutalistischen Diven, skulpturale, individuelle Bauskulpturen, die das Ergebnis von schöpferischer, heroischer Bearbeitung sind«, um zu resümieren: »Man muss diese Betonmonster eigentlich in Schutz nehmen.« Der Wind scheint sich unterdessen sowieso zu drehen: Immer öfter erkennt die Denkmalpflege den Wert brutalistischer Architektur – nur leider eben nicht in Frankfurt.
Brutalistische Architektur zelebriert das Rohe, die reine Konstruktion. Brutalistische Gebäude, oft sind sie Kulturzentren, Bibliotheken oder Rathäuser, haben es verdient, bewahrt zu werden. Das kann man jetzt in Frankfurt erleben. Wer diese Ausstellung wirklich verpassen will, der erwirbt bitte den hervorragenden Katalog – erschienen bei Park Books. Vorgestellt werden hier etwa 120 Bauwerke wie auch Rozzol Melara, ein Stadtteil von Triest, mit seinem Wohnkomplex »Il Quadrilatero«, der auch »ATER« genannt wird – ein furioses Beispiel sozialen Wohnungsbaus mit Platz für etwa 2.500 Bewohner, das sich ganz deutlich an der »Unité d’Habitation« von Le Corbusier orientiert.
Doch was ist es, was an diesen Gebäuden bis heute fasziniert? Ist es das Rohe, Punkige, Ungeschminkte? Das Extreme? Das so gar nicht Gefällige? Selbst »Vele di Scampia«, ein verrufenes Monstrum des sozialen Wohnungbaus in einem Vorort Neapels, nach Plänen des Architekten Franz Di Salvo zwischen 1962 und 1975 errichtet, beeindruckt bis heute. Leider ist das Gebäude in einem fatalen Zustand.
Überhaupt: Brutalistische Architektur wurde wenig gepflegt. Das bedauern die Ausstellungsmacher, so wie sie in der Schau interpretieren, der Brutalismus sei der adäquate Ausdruck der Demokratie. Doch das nun scheint ein wenig überspannt, wenngleich verständlich: Der Brutalismus überwältigt alle. Vor allem jene, die ihn lieben.

Marc Peschke
SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!
Deutsches Architekturmuseum
Bis 2. April 2018
www.dam-online.de
www.SOSBrutalism.org

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