Sittengeschichten
von Robert Hültner und Felix Huby

literatur_blutige_ernte_coverZwei Mal Heimat

Krimikolumne: Blutige Ernte von Alf Mayer

Das eine Buch lag zu lange ungelesen auf meinem Nachttisch. Und hat es nicht verdient. Schande auf mein Haupt. Mea culpa. Im Frühjahr 2014 erschienen, nahm ich mir erst zehn Monate später die Zeit dafür und ärgere mich nun, mich nicht schon gleich mit der Lektüre belohnt zu haben. Acht Kriminalfälle aus zwei Jahrhunderten fächert Robert Hültner in »Tödliches Bayern« auf. Literaturtechnisch müsste man vermutlich von acht Erzählungen sprechen oder von acht Kurzgeschichten. Was Hültner liefert, sind acht Romane. Komprimiert und rund gedrechselt, dennoch mit Breitwandblick auf Zeit, Menschen, Umstände und Milieu – seelenvoll, politisch und human, lebensklug, den niederen Ständen und all den menschlichen Motiven zugetan, die uns schlimme Sachen tun lassen. All das an –  bajuwarisch – prallem Leben, was den oft blutleeren, eher klinisch-kühlen Fallgeschichten eines von Schirach abgeht.
Die Jahresringe 1807, 1867, 1919, 1918-34, 1920, 1962, 1988 und 2004 hat Hültner sich gewählt. Immer bringt er Menschen und historische Hintergründe zusammen, erzählt von kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen, auf die Betroffene mit zuweilen fataler Konsequenz reagieren. Hültner zeigt uns den »Mensch in seiner Geschichte«, ein fürwahr vornehm sinnlicher Chronist, ein Volksschriftsteller und Simenon’scher Menschenfreund. Hültner erzählt von exemplarisch zeitspezifischen Drama-Konstellationen, sein Thema sind die Motivlagen und Methoden des kriminellen wie des staatlichen Handelns. Er macht anschaulich, wie ein Verbrechen in der jeweiligen Epoche gewertet und geahndet wurde – schärft damit unseren Blick, sogar noch den beim Zeitungslesen. Er macht uns wach. Aufregende Lektüre also.
Dies in einer großen Tradition: Verbrechen, die tatsächlich begangen wurden. Eines der ersten Werke dieser Art waren 1740 die »Causes célèbres et intéressantes« des französischen Juristen Gayot de Pitaval, die Schiller mit höchstem Lob bedachte. Bis heute sind Angebot und Nachfrage an kriminalistischen Tatsachenberichten groß. Als ersten Fall nimmt Hültner sich den des schwängernden und mordenden Priesters Franz Sales Riembauer vor und lässt sich damit am großen Anselm von Feuerbach und dessen »Merkwürdige Verbrechen in aktenmäßiger Darstellung« messen. »Tartuffe als Mörder« hieß das bei Feuerbach 1828/29, »Tartuffe auf dem Lande« jetzt bei Hültner. In jeden der Fälle ließe sich ausgiebig steigen, über Quellenlage und Erzählperspektiven reden. Es wäre lohnend. Denn es ist aufregend, wie Hültner erzählt. Genauer: das Leben nacherzählt. In einem kleinen Absatz im Vorwort sagt Hültner sehr Wesentliches zum Handwerk des Erzählers.
Eine Herausforderung war die Arbeit an diesem Buch für den erfahrenen Hültner, dessen erste Romane »Walching« (1993) und »Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski« (1995) in Frankfurt  im Verlag Georg Simader erschienen, was ich erwähne, weil es die Rolle von Kleinverlagen verdeutlicht. Ein Formelschreiber und Holzschnitzer war Hültner noch nie. Wir können gespannt sein, was diese Erfahrung aus ihm macht. Sein nächstes Buch wird bei mir gewiss nicht zehn Monate liegen bleiben.
Zum zweiten Buch griff ich schneller: Einer unserer großen deutschen Kriminalschriftsteller schreibt einen Heimatroman aus der Nachkriegszeit, 473 Seiten stark. Felix Huby, mit »Heimatjahre«. Es ist ein Dorfroman, spielt im Württembergisch-Schwäbischen, 30 Kilometer vor Stuttgart, und ist kurz vor Hubys 75. Geburtstag erschienen. Dieser zum Erschrecken produktive Autor, der sich stets gerne zum Gebrauchsschriftsteller tiefstapelte und seinen Figuren wieder und wieder Zucker gab, darin amerikanischen Vielschreibautoren wie Donald E. Westlake, Ed McBain, John D. Macdonald oder Robert B. Parker ähnlich, macht das scheinbar mühelos. Ohne Pathos, ohne Faxen, als wäre nichts dabei.
»Heimatjahre« beginnt mit dem Kriegsende 1945, erzählt von dem jungen Christian Ebinger und den Menschen um ihn herum, streift durch drei Jahrzehnte deutscher Geschichte, erzählt wie ein Dorf und ein Land aus selbst verschuldeten Trümmern etwas Neues aufbauen, mit aller Spieß- und Ängstlichkeit, allem Wagemut. »Der Verlag bezeichnet das Buch als ›autobiografischen Dorf- und Entwicklungsroman, ganz wie ihn das Leben schreibt: menschenseelenkundig und spannend von der ersten bis zur letzten Seite‹«, schreibt Huby auf seinem Blog. »Wollen wir mal hoffen, dass der Verlag damit Recht hat.«
Hat er. Das Glück beim Händewaschen, das ist für Hubys Helden, der weiß, dass Schreiben »auf jeden Fall sein Beruf werden wird«, ein unverhofftes Interview mit Louis Armstrong, die Eintrittskarte für ein Volontariat bei der Zeitung, und wie Satchmo sein Konzert quasi nur für ihn spielt: »New Orleans Function«, sein Lieblingsstück, ein Erlebnis, »so unglaublich umwerfend, dass er danach ganz sicher war, das würde er sein Leben lang nie vergessen«.

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