Sinclair-Haus: Sommer Nacht Traum

Madonna (© Barbara Klemm)Frau. Schau. Wem?

Sinclair-Haus hebt im »Sommer Nacht Traum« Schätze und Schätzchen der Sammlung Gössen vor

Sie vergräbt ihre Hände in der beigen Hose und ist augenscheinlich tief in die Betrachtung einer großformatigen Naturlandschaft versenkt. Die Schüler, so heißt es, hätten Stephan Balkenhols so lebensecht wirkende, nur 128 Zentimeter große Frauenfigur in weinroter Hemdbluse im Parterre des Bad Homburger Sinclair-Hauses ohne Zögern Angela getauft und als Liebling ausgedeutet. Man kann nicht anders, als lächeln darüber. Und sich ertappt fühlen beim Gedanken an Kohls Liebling vor blühenden Landschaften, auch wenn die Namenstaufe auf nicht viel mehr als der Mob-Frisur basiert. Die Kuratoren der Ausstellung »Sommer Nacht Traum« haben die 1995 entstandene Holz-skulptur »ohne Titel (Frau)«, die man wohl keinesfalls eine Puppe nennen darf, vis-à-vis des wandhohen Holzschnitzgemäldes »Sirenade« von Nicole Bianchet platziert. Eine von leuchtenden Grün- und Gelbfarben dominierte Seelenlandschaft mit einem sich hinter Schilfgräsern, die aus dem Holzboden geschnitzt sind, ausbreitenden Weiher vor fernen Bergen
Aufregend und besänftigend zugleich ist dieses Werk, in dem sich auch Angelas Blick zu verlieren scheint, als wäre es eine Lichtung des Zauberwalds von Athen in Shakespeares lustvoller Komödie – und sie selbst vielleicht Hermia. Dass diesem Dialog Jub Münsters Gemälde »Ein letzter sehnsuchtsvoller Blick wurde ihr gestattet« beigesellt wurde, muss man wohl als ironischen Kommentar verstehen und ist als Doppelung der Schausituation fast schon des Guten zuviel. Münsters Gemälde, das eine schinkige Sofa-Idylle mit einer wie aufgeklebt wirkenden modernen Frau im engen lila Kostüm zusammenbringt, spiegelt unseren Blick in den Raum und lässt uns zugleich mit dieser an den Rand drapierten Protagonistin den ihren teilen.
So viel erstmal aus der Serie »Mein schönstes Museumserlebnis«, der hier eine Auswahl von Werken der Sammlung des Bad Homburger Ehepaars Gössen zugrunde liegt. Der Frau als Motiv in der der zeitgenössischen Kunst haben Maria Lucia und Ingo G. sich verschrieben. Rund 80 Exponate wurden für die große Altana-Sommerausstellung aus ihrem Schatz gehoben und mit 18 Naturmotiven aus dem eigenen Bestand (so das Bianchet-Bild!) spielerisch zusammengestellt  »zu einer sommerlichen Inszenierung – Drama und Lustspiel zugleich – mit einem großen Ensemble an Künstlern in den Hauptrollen«, wie es in der Ankündigung heißt. Shakespeares Irr- und Wirr-Komödie gibt dazu manches begleitende Zitat, hat sonst aber nur atmosphärische Bedeutung.
Kurzum, man tut gut daran, sich einfach treiben zu lassen durch eine wunderbar heterogene und überdies hochkarätige Frauen-Landschaft. Genialische Momentaufnahmen von Barbara Klemm, eine Polaroidserie von Sybille Bergemann, ein Kunstporträt aus dem Los-Angeles-Zyklus von Roland Fischer. Skulpturen und Gemälde von Kiki Smith, Katsura Funakoshi, Rainer Fischli, Holzschnitte von Franz Gertsch, Gerhard Richters verschwommene Elisabeth II und Sigmar Polkes Bikini-Girls, Axel Katz »Red Sweater«, Ulrike Lienachers Zeichnung einer Knieenden mit an Caravaggio erinnernden schmutzigen Fußsohlen. Und in Fülle Vertreter der so genannten »Ost-Kunst« oder »Leipziger Schule« wie Werner und Angelika Tübke, Michael Triegel und Wolfgang Mattheuer.
Zu den Entdeckungen des Chronisten zählt Nina Sten-Knudsens Monumentalwerk »Girl with a Knife«, das seine Protagonistin in weißem Hemd und dunkler Hose vor einer in Dunkeltönen verschwimmenden Phantasielandschaft sitzen lässt, die man rauschend schön, aber auch als apokalyptisch empfinden kann. Den Kopf schräg gesenkt, betrachtet sie ein Messer in ihrer verletzten offenen rechten Hand. Was damit tun?
Ein Highlight im buchstäblichen Sinne ist Barbara Klemms Madonna-Schnappschuss auf einer Pariser Modenschau. Wahrhaft madonnesk in strahlendem Weiß leuchtet sie aus der coolschwarzen männlichen Fashion-Company und  verfolgt mit gespreizten Fingern gebannt das Geschehen auf dem Laufsteg. Sie habe nicht gewusst, um wen es sich bei dieser Person da handele, habe Klemm verraten, die im Auftrag der FAZ zugange war und aus Desinteresse an den Models lieber im Publikum nach Motiven gesucht habe. Grandios. Versteh einer die Frauen.

Lorenz Gatt
Bis 29. September: Di. 14–20 Uhr; Mi.–Fr. 14–19 Uhr; Sa., So. 10–18 Uhr
www.altana-kulturstiftung.de

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