Sinclair-Haus Bad Homburg: »Verzweigt«

Foto: Izima KauroKunstvoll aufgebäumt

Im Frankfurter VHS-Kurs »Zeichnen und Malen für Unbegabte« heißt die Kunstlehrerin Gabriele Blass alle, die sich bei ihr neu einfinden, einen Baum zu zeichnen. Wenn‘s weiter nichts ist, denkt man dann – aber nicht lange. Das traurige Ergebnis hätte in der Natur wohl nur bei absoluter Windstille Überlebenschancen gehabt.
Es versteht sich also, dass der Ex-Unbegabte zwar mit Kennermiene, aber auch mit Respekt die Räume des Bad Homburger Sinclair-Hauses betritt, das seine Winterschau dem Baum in der zeitgenössischen Kunst widmet. »Verzweigt« lautet ihr treffendes Motto. Rund 80 Exponate von 60 Künstlern aus den verschiedensten Sparten und Ländern hat Kurator Johannes Janssen zusammengestellt . Er hat sich dabei wesentlich aus einer privaten Kölner Sammlung bedient. Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Videos, Installationen, Skulpturen, Graphiken – von Baselitz bis Beuys, von Gerhard Richter bis Rebecca Horn, von Mapplethorpe bis Jeff Watts, aber auch von vielen weniger bekannten Künstlern. Sein einziges Kriterium sei die Wirkung der Werke im Raum und das Zusammenspiel mit ihren Nachbarn auf Zeit gewesen.
Zu den künstlerischen Mischwald des zweistöckigen Hauses geleitet im Entrée eine Skulptur der britischen Künstlerin Laura Ford, die sofort Märchenassoziationen weckt: der von zwei in klobigen roten Schuhen steckenden Beinchen getragene Baumstumpf namens »Nature Girl«, der zwar etwas comic-frech wirkt, aber auch elterliche Beschützergefühle provoziert. Ein eher humoriger Auftakt, der im Innern von einer zweiten Arbeit Fords zunächst fortgesetzt wird: Das auf eigenen Füßen und in Blümchen-Schaloppen steckende »Tree Girl« ist, schlank und rank, in einen engen dunkelbraunen Cord-Rock gekleidet, der bis zum Boden reicht; auf seinen Ästen in Kopfhöhe tummelt sich eine zwitscherbunte Schar von Stoffvögeln.
Viel Konkurrenz in der Publikumsgunst werden Fords Arbeiten, die von der örtlichen Galerie Scheffel kommen, kaum zu fürchten haben. Allerdings erzählt im selben Raum auch das rätselhafte Aquarell von Marcel Dzama »The Leader« von zwei wandelnden Baumstämmen auf Menschenbeinen. Sie haben Augen, und an ihren Ästen baumeln – ups! – aufgehängte Hunde. Gemeinsam mit einem babyschaukelnden Bär und einem springenden Hund folgen sie einem Mädchen im roten Kleid, das die Gruppe  wie Jeanne d’Arc in ihren besten Tagen mit gezücktem Schwert in Sicherheit bringt.
Tobias Rehbergers »Mother Dying II« weist den Baum nur noch als vage Erinnerung aus und zeigt ihn als ein mit Krepp-Papier drapiertes Drahtgerüst mit lila Plastikblüten im Origami-Stil. Jean-Michel Basquiat findet sein Motiv in der Konsumwelt und setzt sich mit dem grotesken Objekt eines Duftnadelbaums auseinander. Rudolf Wachter seziert in »Dreiteilige« eine Ulme in Rohform. Rätselhaft – und schön – die mächtige Baumgabel auf Izima Kauros Bild »Tanya de Jaeger Wears Dior« (s. Foto), das so manchen Betrachter erst durch seinen Titel zur Suche nach dem Model animiert – wenn es denn eines sein sollte. Wer sucht, der findet. Das scheint ohnehin angesagt auf diesem verblüffend vielfältigen Spaziergang im aufgebäumten Sinclair-Haus.

Lorenz Gatt (Foto: Izima Kauro)
Bis 22. Februar: Di. 14–20 Uhr, Mi., Do., Fr. 14–19 Uhr, Sa., So. 12–18 Uhr
www.altana-kulturstiftung.de

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