Sinclair-Haus Bad Homburg: «Still bewegt«

Ori Gersht: Pomegranate Still (Foto: Mummery & Schnelle, London)Gepflückt, geerntet und erlegt

Dem Stillleben ist die neue Ausstellung der Altana-Stiftung im Bad Homburger Sinclair-Haus gewidmet. Bei einer Kunstsammlung, die sich ausschließlich auf die zeitgenössische Kunst fokussiert, klingt das zunächst verwunderlich, fallen einem doch – neben der neuen Rechtschreibung – auch jenseits des Küchenkitschs erst mal nur Gemälde ein von wohlsortierten Gemüsekörben, farbenfrohen Blumensträußen und von saftigen Früchten, in die man am liebsten sofort hineinbisse. Und vom Wild, dem unser Mitleid sicher ist.

Die weit treffendere Benennung dieser Gattung für all das, was da gepflückt, geerntet und erlegt worden ist, etwa im Französischen – »nature morte«, tote Natur – macht die Wahl dieses Themas indes evident, rückt sie doch ins Licht, dass die Schönheit immer nur eine Momentaufnahme im Kreislauf des Werdens und Vergehens sein kann. Unter dem scheinbar widersprüchlichen Titel »Still bewegt« werden im Sinclair-Haus nun »Videokunst und Alte Meister« miteinander konfrontiert, die Vergänglichkeit (Vanitas) im religiösen Kontext der barocken Malerei und im heutigen Kunstschaffen.

Dabei werden 44 ausgesuchte Alte Meister des 17. Jahrhunderts – das älteste ist von 1613 – 21 filmischen Arbeiten von neun aktuellen Künstlern beigesellt. Die dazu gehörigen Kabel, Player und Lautsprecher wurden – mit schönem Effekt – hinter die teils gerahmten Screens in die Wand installiert. Es liegt in der bewegten Natur der Sache und ein wenig auch daran, dass man wegen der oft sehr dunklen Gemälde eine »Firnissage« assoziiert, wenn das Augenmerk in erster Linie den Videos zufließt. Doch muss es ja nicht dabei bleiben.

Äußerlich am nächsten kommen den historischen Vorbildern wohl die HD-Arbeiten »Tulpen« und »Päonien« von Gabriella Gerosa. Wie gemalt sehen die auf einem schlichten Holztisch in Blecheimern drapierten Sträuße aus, bis es dann passiert. Wer sich auf Gerosas 30- und 60-minütige meditative Akte einlässt, wird das plötzliche Herabsegeln eines Blütenblattes wie ein Erdbeben erleben und die heransurrende Fliege wie einen ungeheuerlichen Überfall. Am Ende könnte sich die beharrliche Schönheit von Daniel Seghers‘ »Blumenkranz« (1690) als das kontemplativere Objekt behaupten.

Gerosas Zeitmaß ist freilich eine Ausnahme in dieser erstaunlich vielfältigen Schau. Die Nürnberger Stefanie Pöllot etwa hat in ihrer bezaubernden feinen Arbeit »Spuren in Weiß« (zirka 8 Minuten) auf die leicht violett und grün ausgeleuchteten weißen Blütenblätter von Gladiolen kleine Menschenschatten projiziert, die sich in immer wiederkehrenden Abläufen auf den geschwungenen Blättern wie auf einer Schneepiste mit Schlitten, Skiern oder auch zu Fuß bewegen.

Der Israeli Ori Gersht setzt in seinen spürbar biografisch beeinflussten Arbeiten die Schönheit der Dinge der unfassbaren kriegerischen Zerstörung aus. Auf »Pomegranate« zerlegt ein Geschoss einen an einem Faden hängenden Granatapfel, dessen blutroter Saft sich in Megazeitlupe aus dem baumelnden Ziel über einen Kohl, eine Melone und eine Zucchini ergießt. Das Arrangement bildet ein spanische Stillleben von 1602 nach.

Pia Maria Martin unterlegt den Tanz zweier Fische auf dem Weg von der Einkaufstüte in die Fischsuppe nebst deren Verzehr mit Tschaikowskis Schwanensee. Ein dreiteiliges Bilderrätsel für Anfänger stellt Arnold von Wedemeyer auf »on-time, still life« mit einer Scheibe Brot, einem Strauß Tulpen und einem Monitor mit laufender Aktienkursleiste, das auf die erste Spekulationsblase im 17. Jahrhundert in den Niederlanden anspielt.

Aus dem Rahmen fällt die Arbeit »Passage Kanada« von Christoph Brech. Sie basiert auf den Beobachtungen bei einem Duschbad des Künstlers an Bord eines Containerschiffs während einer Überfahrt von Genua nach Montreal. Die Bewegungen des Abflusswassers zu seinen Füßen haben ihn auf die Idee gebracht, dass man diesen Ausdruck der Begegnung der Urgewalt des Atlantiks mit der menschlichen Kultur auch in einem simplen Zahnputzglas erfassen kann. Der Kurator hat Brechs Film ein Bild von der hohen Kunst des als Glasmalers berühmt gewordenen Gerrit Willemsz. Heda zugesellt.

Lorenz Gatt
Bis 23. Februar 2014:
Di. 14–20 Uhr; Mi. bis Fr. 14–19 Uhr; Sa., So. 10–18 Uhr

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