Sinclair-Haus Bad Homburg: »Himmelwärts – Kunst über den Wolken«

Staunen unter Sternen

Durch eine marode aussehende offene Tür glauben wir in ein von einer Glühbirne erhelltes leeres Zimmer und durch das weit geöffnete Fenster dort in den Nachthimmel über einer Stadt zu blicken. Sprachgeräusche dringen vom flackernden Bildschirm eines recht gestrigen Geräts auf dem Fußboden ans Ohr. Ein Ball rollt heran und beginnt plötzlich zu hopsen, lässt es aber wieder. Weiße Gardinen bauschen sich und verschwinden, Schritte sind zu hören  – irgendwas stimmt hier nicht. Dann zieht ein imposanter Mond vorbei, meint man kurz, und erkennt die Kontinente des Blauen Planeten. Wo – in aller Welt – könnten wir sein?
Die Tür ist Fakt, sie steht mitten im Raum, der Rest ist Fiktion bei dieser Installation von Julia Willms, die den Türrahmen mit einer Folie bespannt hat, auf die sie das dreiminütige Video projiziert. Als ein weiblicher Schatten in die Tür tritt, meint man kurz, es sei jemand vor den Projektor gelaufen. »Home« heißt die 2010 entstandene Arbeit der in Amsterdam lebenden Künstlerin, heimelig kann man sie nicht nennen, eher unheimlich.
Es ist dann doch nicht das alte John-Lennon-Thema Sky statt Heaven aus »Imagine«, das die Ausstellung »Himmelwärts« im Bad Homburger Sinclair-Haus aufgreift. Fünfzehn Künstler beziehen sich mit den unterschiedlichsten Medien auf das Planetensystemen, den Kosmos, die Unendlichkeit und auch auf das, was uns Forschung und Wissenschaft inzwischen davon wissen lassen. Doch wie viel dies auch sein mag, kommt selbst die Kunst nicht daran vorbei, mit uns das Gefühl der eigenen Begrenztheit und das Staunen zu teilen.
Das spektakulärste der rund 50 Exponate ist im Auftrag für diese Ausstellung entstanden: Der Lichtkünstler Mischa Kuball okkupiert mit seiner Installation »Five Planets« einen ganzen Raum, in dem fünf  rotierende dicke Discokugeln auf sie projizierte Buchstabenreihen aus ihren Namen in alle Himmelsrichtungen reflektieren. Tritt man mitten hinein in den Raum, legt sich ein flimmerndes Meer aus kreuz und quer kreisenden Lettern wie eine flauschige Decke um einen, oder man hat das Gefühl jeden Halt und die Orientierung zu verlieren. Die ohnehin nur in unserem Kulturkreis geltenden Bezeichnungen der Gestirne aber verlieren sich in diesen Strudeln gänzlich, während man sich auf den Kugeln als Figur aus Pixeln entdeckt, die jeden Moment auseinanderstieben könnten.
David Krippendorff hat in seiner Video-Arbeit »Night of the Stars« Weltraumszenen aus rund 50 Science-Fiction-Filmen zur einer Reise im Unendlichen verknüpft. Noch bevor Armstrong & Co. dort Spuren hinterließen, hätten die Menschen Funk- und Fernsehsignale ins All gejagt, heißt es dazu. Unterlegt ist der brutal auf der Erde endende Trip mit gesprochenen Filmzitaten, die sich um das Star-Werden drehen.  
Die Visitenkarte von Neil Armstrong, den berühmten Fußabdruck, gibt Sven Reile in einer Grisaille wieder, einem nur aus den Farben Grau, Schwarz und Weiß bestehenden Gemälde. Sein Titel, »Small Step«, ist selbsterklärend. Der Künstler ruft auch die kollektive Erinnerung an das Schwarzweiß-Fernsehen wach. Die erste bemannte Mondlandung wurde am 21. Juli 1969 von mehr als 500 Millionen Menschen live verfolgt.
Mit dem Himmelsphänomen der Sonnenfinsternis befassen sich gleich drei Künstler. Robert Longos kraftberstende Zeichnung »Solar Eclipse« drückt den Betrachter fast körperlich nieder. Hans Aichinger findet in zwei flach auf dem Rücken liegenden jungen Beobachtern des Himmelschauspiels im März dieses Jahres ein Sujet für ein fotorealistisches Gemälde. Douglas Gorden demonstriert, dass kein Bild der Sonnenfinsternis in den US-amerikanischen Zeitungen dem anderen gleicht
Ebenfalls vertreten sind Christoph Brech, dessen Leuchtröhren-Skulptur »CIELO« das Hausdach schmückt, Vija Celmins, Björn Dahlem, Hiroyuki Masuyama, Maximilian Prüfer, Peter Sauerer, Santieri Tuori, Brigitte Walbach und Bernd Zimmer.

Lorenz Gatt (Foto: Five Planets © Michael Kuball)
Bis Januar: Di. 14–20 Uhr, Mi.–Fr. 14–19 Uhr, Sa., So. 10–18 Uhr
www.altana-kulturstiftung.de

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