Sinclair-Haus Bad Homburg: Der Natur entrissen

Sinclair-Haus Bad Homburg: Der Maler Franz GertschVom Punk zur Pestwurz

Der Schweizer Maler Franz Gertsch war mir lange durch zwei Arbeiten bekannt. Erstens: den Ende der 70er entstandenen Porträtzyklus der Punkrockerin Patti Smith, die ich damals für eine Fotoserie gehalten hatte. So lange jedenfalls, bis – zweitens – im MMK das Großformat (3,40 x 3,30 Meter) der »Johanna I« zu sehen war und etwas kleiner als Poster zuhause landete.

Auf einem Video ließ sich damals verfolgen, wie Gertsch ein Dia auf eine riesige wandhohe Malfläche projiziert, um das Konterfei Johannas in einem Monate umspannenden Prozess quadratzentimeterweise zu übertragen. Aus der Vorlage wird ein eigenständiges Werk, das mit dem Genre des Fotorealismus, dem Gertsch zugeordnet wird, unzulänglich umschrieben ist. So dramatisch lebendig und überwältigend haben seine Johannas, Nataschas und Silvias nie von einem Foto oder realiter geschaut. Es sind Projektionen in jedem Sinne.

Der in den 80ern vollzogene Übergang von der an Menschen orientierten Malerei zu den nun in Bad Homburg ausgestellten Holzschnitten von Naturmotiven, fiel Gertsch vom Sujet her leicht – waren ihm die Porträts doch stets auch Gesichtslandschaften. Das Auge ein See, die Haare ein Wald, die Wange ein Hügel oder eine Düne. Und auch beim Holzschnitt geht der Künstler mit Dia-Projektionen vor, nur dass er hier statt des Pinsels ein Hohleisen benutzt, das er im »Herzschlagtakt«, wie er sagt, unzählige Male in den Holzboden treibt.

Seine Aufmerksamkeit hat der Schweizer dabei ab Mitte der Achtziger auf das konzentriert, was er in und um seinen Wohnort Rüschegg in der Natur vorfand: Gräser, Kräuter, Enzian und Pestwurz, Bäche oder Waldwege. Wie die Gesichter vorher, so finden auch die Naturobjekte nun ihre eigene Wirklichkeit, werden »der Natur entrissen«.  Erst später bezieht er auch seine Frauenbilder wieder in sein  Schaffen ein. Gut 50 Werke sind im Sinclair ausgestellt, darunter das sechs Meter breite Tryptichon »Schwarzwasser«, für das er sieben Monate brauchte.

Lorenz Gatt
Bis 26. Mai 2013

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