Sinclair-Haus Bad-Homburg: Barbara Klemm fotografiert von Zeichnungen Goethes motiviert in Stadt und Land

Barbara Klemm: Wolkenstudie Ein Hammer, diese Sicheln!

Das Bild vom innigen Bruderkuss Leonid Breschnews mit Erich Honecker gehört zu den meistzitierten Arbeiten Barbara Klemms. Das instinktive Gespür der einstigen FAZ-Fotoreporterin für den richtigen Moment zeichnet nebst Licht und Perspektive auch jene spektakulären und selbstredend schwarzweißen Großformate studentischen Lebens der 80er Jahre aus, die frei Haus an den U-Bahn-Wänden der Bockenheimer Warte zu sehen sind. Spektakulär ist an dem persönlichen Wallfahrtsort des Chronisten die Aufnahme des tumultuarischen Auflaufs im legendären Hörsaal VI, der einem Auftritt des Fuldaer CDU-Rechtsaußens Alfred Dregger galt. Statt Tomaten zu werfen, haben die Uni-Spontis damals mit Deutschland-Fähnchen winkend den Law-&-Order-Politiker »niedergejubelt«, wie die FAZ am nächsten Tag schrieb.

Das Sinclair-Haus in Bad Homburg lädt nun mit einer originellen Idee dazu ein, Barbara Klemm von der weitgehend unentdeckten Seite ihrer Landschafts- und Naturfotografie kennenzulernen. Der Direktor des Hauses, Johannes Janssen, hat die bald 75 Jahre alte Tochter einer Bildhauerin und eines Malers (Fritz Klemm) auf eine ähnlich unterbelichtete Seite von Johann Wolfgang Goethe aufmerksam gemacht: dessen mit Tusche und Bleistift gezeichneten »Reisenotizen«. Auch dieses Handwerk hat Johann Wolfgang von der Pike auf gelernt. Seine Skizzen sollten Klemm zu einem künstlerischen Brückenschlag der Genres inspirieren, dachte sich Janssen – mit Erfolg. Nach der Sichtung der Stiftung Weimarer Klassik, die 2.000 Zeichnungen des Meisters archiviert, ging die Fotokünstlerin begeistert mit ihm d’accord und unter der Bedingung unbedingter künstlerischer Freiheit mit ihrer Leica auf Reise nach Thüringen, in die Schweiz, nach Rom und natürlich auch nach Frankfurt.

Das Sinclair-Haus stellt nun 60 Fotografien aus diesem Auftrag und 55 ihm zugrunde liegende Zeichnungen des Dichterfürsten aus und vermeidet dabei bewusst Gegenüberstellungen. Klemm ging es darum, im freiem Zugriff Stimmungen, Motive und Lichtkonstellationen einzufangen, die auch ohne den Bezug bestehen. Und keinesfalls um Vergleiche oder Nachahmung. Während ihre Arbeiten im Parterre hängen, findet man die Zeichnungen im ersten Stock. Ein bisschen schade, weil mühsam, ist das dennoch, zumal sich ja der Katalog zu Hilfe nehmen lässt, mit dem man dann eben doch vergleichend den römischen Palatin im Mondlicht, den böhmischen Felsberg Borschen oder die heimische Leonardskirche betrachtet. Grandios sind die Lichtbrechungen des tosenden Wasserfalls in Schaffhausen, gewaltig die Wolkenkonstellationen. Hammerhaft himmlisch aber und allein das Kommen wert sind die Mondsicheln, die Goethe 1775/76 mit Kohle und weißer Kreide auf tiefblaues Papier bannte und Barbara Klemm vor 15 Jahren am nächtlichen Himmel über der Normandie entdeckte, ohne die Zeichnung zu kennen. Dass sie sich ihres Bildes erinnert hat, ist wohl das, was man unter einem fotografischen Gedächtnis versteht.

Lorenz Gatt
Bis 9. Juni: Di. 14–20 Uhr; Mi.–Fr. 14–19 Uhr; Sa., So. 10–18 Uhr im Sinclair-Haus Bad-Homburg
www.altana-kulturstiftung.de

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