Senckenberg Naturmuseum: »Vielfalt zählt! – Expedition in die Biodiversität«

Notrufsäulen im Paradies

Einen dramatischen Schwund an Bienen, Schmetterlingen und anderen Bestäubertieren wie Käfern, Wespen, Vögeln oder Fledermäusen insbesondere in Nordamerika und Europa hat der Uno-Weltrat für Biologische Vielfalt (IBPES) Ende Februar festgestellt. Die Nachricht läse sich wie bestellt zur neuen Ausstellung »Vielfalt zählt!« im Senckenberg Naturmuseum, gäbe es nicht täglich Meldungen über gefährdete Tiere, Pflanzen und andere Folgen des ungebremsten profitorientierten Wirtschaftens. Allerdings bedroht dieser mit dem Einsatz von Pestiziden, landwirtschaftliche Monokulturen und den Klimawandel verbundene Befund stärker denn je auch die Nahrungsversorgung des Menschen.   
»Vielfalt zählt!« gibt über einen für alle Generationen hergerichteten Parcours von zehn Stationen Einblick in die Funktionsweisen und Empfindlichkeiten von Lebenswelten wie Wälder, Ozeane oder auch Wiesen. Gleich zu Beginn wird man mit einer gezeichneten Eiche und einem wandhohen Aufriss voller Piktogramme und Verbindungspfeilen konfrontiert, die ein so verwirrendes wie faszinierendes Bild des Zusammenwirkens von zahllosen Tieren und Organismen in und um den zu den größten Wirten zählenden Laubbaum vermitteln. Mehr als 500 Tierarten sind allein auf Eichen spezialisiert, ein Mehrfaches nutzt sie sporadisch. Auch die vom Saft junger Blätter lebende Eichenmaskenlaus gehört dazu. Sie sondert Honigtau ab, eine Delikatesse, die, wie man verfolgen kann, über die braunschwarze Ross-ameise und andere Kleinsttiere ihre Wanderschaft in der Ernährungskette antritt.  
Auf einem Großmonitor kann man Wiesenareale nach Gutdünken fiktiv bepflanzen, worauf das Programm nach und nach die jeweils davon angezogene Tierwelt in Bewegung setzt. Klarer Fall: Je vielfältiger ein Biotop ausgestattet ist, desto attraktiver wird es für die Tiere. In Jena, so verrät eine kleine Doku, gibt es das sogar in echt mit 16 unterschiedlich bepflanzten Nutzflächen in Langzeitbeobachtung. Das Hochwasser vor zwei Jahren war für die Forscher ein willkommener Test, den die Flächen mit hoher Biodiversität – wenig verwunderlich – am besten bestanden: Vielfalt zählt! Im Übrigen, so lernt man, hört eine Lebenswelt, die umkippt, nicht automatisch auf, zu existieren, sondern verwandelt sich nur. Dass sie uns dann noch gefällt und guttut, steht indes zu bezweifeln.
Für jüngere Schüler dürften das Eichenbild und der Feldversuch eher zum Pflichtprogramm eines Besuchs zählen. Weniger kopflastig und erlebnisreicher sind da sicher die Riechproben, Schatztruhen (mit Bildern und Informationen von seltenen Tieren), Quizspiele oder auch die Hörstation, an der man auf einer mit Tierlauten unterlegten Klaviatur ein richtiges Konzert loshämmern kann. Die Notrufsäulen in den Biotopen berichten auf Knopfdruck über jeweils bedrohte Tierarten. An einer zerfallenden Plastiktüte wird anschaulich demonstriert, wie deren Partikel – pfui und bäh – über die Meerestiere in die Nahrungskette des Menschen gelangen. Eine Gaudi ist die Selfie-Station. Per Knopfdruck kann man sich mit Riesenkäfern oder unter Wasser ablichten und die digitalen Bilder per E-Mail verschicken.

gt (Foto: © Barbara Frommann)
Bis  26. Juni: Mo. – Fr. 9 – 17 Uhr, Mi. bis 20 Uhr; Sa. So. 9 – 18 Uhr
www.senckenberg.de

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