Schauspiel Frankfurt zeigt Wajdi Mouawads »Verbrennungen«

Am Ende der Spirale

Man kann nicht unbeeindruckt sein vondiesem viel gespielten Stück. Umso begrüßenswerter ist es, dass das 2003 uraufgeführte Drama »Verbrennungen« des im Libanon geborenen Frankokanadiers Wajdi Mouawad endlich in Frankfurt gespielt wird, nachdem es zuletzt 2015 in Mainz (Regie Klaus Schumacher) mit Andrea Quierbach (Strandgut 12/2015) und auch im Kino (»Die Frau die singt«) zu sehen war.
Erzählt wird das Schicksal der späteren Migrantin Nawal Marwanc im Nahen Osten. Die Suche nach ihrem Kind, das sie mit 15 Jahren in ihrem Dorf zur Welt bringt, aber nicht behalten darf, weil der Vater ein Flüchtling ist, führt sie tief in die Wirren eines Bürgerkriegs, unzweifelhaft der libanesische (1975-1990), auch wenn ihn der Autor genauso wenig benennt wie die Namen der Schauplätze des Grauens und deren Akteure. Nichts, was uns heute in den Nachrichten erschüttert, das es nicht schon gegeben hätte: etwa die Massaker von Sabra und Schatila (1982), denen andere vorausgingen und folgten, selbst das martialische Bus-Attentat, an das Mouawads Stücktitel gemahnt, geschah 1975 in West-Beirut.
Die Dramaturgie dieses wie am Reißbrett entworfenen, verschachtelten Stücks folgt der klassischen Tragödie des Ödipus, die ihren Helden auf eine ernüchternde Reise in die eigene Vergangenheit schickt. In »Verbrennungen« nimmt das Erkenne-dich-selbst mit dem Testament der in Kanada gestorbenen Nawal seinen Lauf. Ihr letzter Wille hält ihre beiden Kinder, die Zwillinge Jeanne und Simon, dazu an, zwei Briefe zuzustellen: an den Vater, den sie für tot hielten, und an den Bruder, von dem sie bisher nichts wussten. Jeanne fährt schnell, und Simon kommt nach in das fremde Land ihrer Geburt, wo sie den in Rückblenden gespielten Stationen ihrer Mutter nachgehen und so ihrer selbst gewahr werden.
Knallrot der Vorhang aus Plastikstreifen, knallrot der Anzug, in dem Thomas Meinhardt das Publikum mit Handschlag begrüßt. Ein Conférencier? Nein, der Anwalt Lebel. Gleich verkündet er den Zwillingen (Altine Emini, Niels Kreutinger) den letzten Willen der Mutter und drängt sie, diesem zu entsprechen. Dann fällt die rote Plane und macht einer gelben Platz. Wir tauchen mit Jeanne in die Geschichte ein, erleben Nawal (Heidi Ecks) als verliebtes Mädchen, was viel Witz hat, später als streitende, fightende, leidende und berührende Frau, bestaunen die Schauspielschülerin Kristin Alia Hunold bei ihrem Debüt als Nawals quicklebendige Gefährtin Sawda und vor allem Stefan Graf, der erst den ersten Freund Nawals und dann in einer Glanznummer den psychopathischen Heckenschützen gibt. Und Thorsten Danner, der routiniert fast ein halbes Dutzend Typen verkörpert.
Die niederländische Regisseurin Cilia Bukic geht in der sehr gekürzten Vorlage wesentlich den erlittenen Traumata und dem persönlichen Weg ihrer Bewältigung nach, den die Mutter initiiert. Die Konflikte, aus denen sie resultieren, treten als unentwirrbares Interessenknäuel einer archaischen Rache-Vergeltungs-Spirale, aus der auch Wikipedia nicht führt, in den Hintergrund. Auch wenn der komplizierte bausteinartige Aufbau das Schauspieler-Spiel limitiert, bleibt seine bannende Wirkung nicht aus. Nicht beeindruckt zu sein geht nicht.

Winnie Geipert (Foto: © Robert Schittko)
Termine: 1., 18., 21. Dezember, 20 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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