Schauspiel Frankfurt: »Wut und Gedanke« zurück an der Uni

Jetzt sind wir beide tot

Starker Stoff: Im vergangenen März hat das Schauspiel Frankfurt die Kritische Theorie und die 68er Studentenbewegung zurück an die Frankfurter Universität geholt. Mit dem Monolog »Wut und Gedanke« von Christian Franke. Weil der nur zu empfehlen ist, scheint es nicht verkehrt, für die Nachgeborenen ein wenig von den Charakteren Theodor W. Adorno und Hans-Jürgen Krahl, wie von der historischen Spielstätte vorauszuschicken.
Adorno, Philosoph, Soziologe und Meisterdenker gilt als der Begründer der Kritischen Theorie. Von den Nazis vertrieben, nahm er 1949 seine Lehrtätigkeit an der Frankfurter Universität (noch in Bockenheim) wieder auf und leitete das Institut für Sozialforschung. Adorno starb 1969 im Schweizer Wallis an einem Herzinfarkt.
Hans-Jürgen Krahl gilt als sein Meisterschüler. Er suchte, infiziert vom Pariser Mai 1968, nach dem Strand unter dem Pflaster. Der »Bockenheimer Robespierre« und passionierte Kneipengänger stritt in gestochener Dialektik über die revolutionäre Umsetzung der adornoschen Gesellschaftskritik am liebsten mit dem Meister selbst. Er starb ein halbes Jahr nach diesem bei einem Autounfall.
Autor Christian Franke, Jahrgang 1983, kann die beiden also nicht persönlich erlebt haben. Und doch erweckt er zumindest Krahl, die Laus im Pelz der Kritischen Theorie, zum Leben: In seinem wunderbar recherchierten Dokumentarstück gelingt es ihm, die Beziehung und Auseinandersetzung dieser beiden an einem historisch belasteten Ort wieder aufleben zu lassen. Der nach dem Architekten Poelzig benannte Bau bildete von 1931 an die Zentrale des maßgeblich am Holocaust beteiligten  I.G. Farben-Konzerns und war nach Kriegsende Hauptquartier der US-Army. Mit den Sprach- und Kulturwissenschaften ist seit 2009 am Campus Westend auch die Bibliothekszentrale der Geisteswissenschaften untergebracht, in der das Stück spielt.
Und dort steht und spricht der leibhaftige Krahl – grandios verkörpert durch Vincent Glander – plötzlich von der Galerie herab zu den um den riesigen Arbeitstisch sitzenden Zuschauern  – über Theorie und Praxis und Bockenheim. Später kommt er herunter und wirft mit der Adorno-Gesamtausgabe um sich.
Er sucht verzweifelt nach Hinweisen auf praktische Konsequenzen in den Schriften des radikalsten Kritikers der spätkapitalistischen Kulturindustrie. Und er buhlt um dessen Solidarisierung mit den studentischen Protesten. Mehr aber als schöngeistige Reminiszenzen findet er nicht. Am schmerzhaftesten jedoch ist nicht nur für ihn, dass der als intellektueller Partner geschätzte Professor die Polizei ruft, als die Studenten das Institut besetzen, und es räumen lässt.
Was bleibt? Organisation oder Gewalt? Partei oder RAF? Aus seiner Tasche zieht jetzt Glander – jetzt nicht mehr Krahl – ein geringeltes T-Shirt, Jeans, ein paar Turnschuhe …
»Er wollte nur in Ruhe schreiben. Ich konnte nur in Unruhe leben. Jetzt sind wir beide tot«. Fast zärtlich wird der Tod des Philosophen kurz danach im Wallis beschrieben. Der »kleine Vogel der Revolution« aber singt weiter sein Lied …
Jedem, dem die 68er Zeit noch in Erinnerung ist, sei diese Wiederbelebung wärmstens empfohlen. Aber auch jüngeren, die in diesem Haus mit dubioser Vergangenheit denken und verstehen lernen wollen.

Katrin Swoboda (Foto: © Birgit Hupfeld)
Termine: 14. November, 20.30 Uhr und 15. November, 17.00 und 20.00 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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