Schauspiel Frankfurt: Oliver Kraushaar & Frau laden zum »Totentanz«

Liebe, Lüge, Ehekrieg

Als sei er unterwegs zur Psoriasis-Akutbehandlung am Toten Meer, so sieht Oliver Kraushaar aus beim Gespräch in der Theaterkantine. Vor zehn Minuten habe er noch Eigelb im Gesicht gehabt, erzählt der von den Proben zu August Strindbergs »Totentanz« kommende Schauspieler, der den Hauptmann Edgar in dem im Jahre 1900 entstandenen Kammerspiel geben wird. Einen unter Albträumen leidenden depressiven Mann, der sich mit seiner Frau Alice in einer ehemaligen Gefängnisfestung am Meer seit 25 Jahren das Eheleben zur Hölle macht. Und der, wie sie, darin Erfüllung findet. Doch Eigelb? Streng am Text klebt die den ersten Teil des Dramas mit starkem Strich fokussierende Inszenierung von Daniel Foerster wohl kaum. Wir kommen nebst Maskenweiß darauf zurück, auch auf die Ehe.
Der »Totentanz« stand nicht auf dem Saisonspielplan des Frankfurter Schauspielhauses. Die ungeplante Ansetzung habe neben freien Kapazitäten und dem für spontane Entschlüsse empfänglichen Intendanten vor allem damit zu tun, dass das Stück völlig zu Unrecht vernachlässigt werde von den Bühnen. Es sei einfach an der Zeit für den »Totentanz«, meint Kraushaar. Mit Daniel Foerster biete sich zudem ein talentierter Nachwuchsregisseur aus dem hauseigenen Studio an, dessen »Fräulein Julie« (Strandgut 12/2015) sogar zum Radikal-Jung-Festival in München geladen war.
Neben dem Händchen für die Stoffe wird seinem Chef aber auch ein feines Näschen für deren publikumswirksame Besetzung attestiert. Und die ist mit Constanze Becker als Alice gewiss gefunden. Reeses First Lady im Ensemble ist schließlich die von Oliver Kraushaar im wirklichen Leben. Für ihn sei es einfach großartig, häufiger seine Frau zu sehen und mal gemeinsam von der Arbeit nach Hause zu kommen. Der Preis, den sie dafür zahlten, sei der für das Kindermädchen.
Ein Paar haben die Eheleute Kraushaar/Becker schon in Moritz Rinkes »Wir lieben und wissen nichts« gespielt, einer modernen Beziehungskomödie. Strindbergs Ehehölle ist trotz ihres Alters keinesfalls entrückt: »Die beiden tun alles nur aus Liebe zueinander und weil sie sich brauchen«, meint Kraushaar. Daran könne auch der Auftritt des bestellten Jugendfreundes Kurt (Michael Benthien) nicht rütteln. Edgars angedrohte Scheidung und die Pläne Alices, mit Kurt durchzubrennen, hält der in Fürstenfeldbruck geborene Schauspieler für nichts als Theater, was durchaus witzig werden könne.
Man dürfe einfach keiner der Figuren des Totentanzes zu keiner Zeit glauben, was sie sage. Auch Strindberg nicht, der einmal Kurt als sein Alter Ego benannt habe. Kraushaar ist sich sicher, dass es Edgar ist, und hält Strindbergs autobiografischen Roman »Inferno«, in dem er seine Krise  verarbeitet, für den Schlüssel zum Stück.   
In den Proben versuche das Ensemble nun, dafür Bilder zu finden, wozu über Eigelb und Maskenweiß auch reichlich Theaterblut fließe, schließlich sei Edgar in den Augen seiner Frau ein unersättlicher Vampir. Wie in »Fräulein Julie«, als Daniel Foerster Nietzsche und Händel, Derrida und Black Sabbath einsetzte, wird er seine Fragen an Strindbergs über 100 Jahre alte Arbeit mit Musik und Fremdtexten richten. Für den Regisseur, der bisher nur in der Box inszeniert hat, kündigt sich mit dem »Totentanz« ein Sprung nach vorne an. Im Anschluss an die  Auftaktreihe im Kammerspiel wandert die Inszenierung im Herbst in das Große Haus. Für Oliver Kraushaar, der schon seit 2002 am Schauspiel ist, läutet das Stück die vorerst letzte Runde in Frankfurt sein. Er folgt mit seiner Frau dem Intendanten nach Berlin.

Winnie Geipert (Foto: Oliver Kraushaar, © Birgit Hupfeld)
Termine: 14., 11., 25. Juni, 20 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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