Schauspiel Frankfurt: »Nach dem Fest« eröffnet die Kammerspiel-Saison

© VG BildkunstHans Op de Beeck in allen Sätteln

Es gibt kaum etwas, das Hans Op de Beeck in dieser Aufführung nicht selbst macht – außer spielen. Und etliches darunter, an dem er sich zum ersten Mal versucht. Zum Beispiel: Ein-Theaterstück-Schreiben; zum Beispiel: Theaterregie-Führen. Es ist also in vielerlei Hinsicht ein blutiger Anfänger, dem der Frankfurter Schauspielchef Oliver Reese seine Saisonpremiere im Kammerspiel anvertraut. Und nicht nur das: Für viele Theaterbesucher dürfte Op de Beeck ohnehin ein Niemand, ein NoName sein. Denn seinen Ruf hat er sich anderswo erworben. Als »Grenzgänger«, so das Folkwang-Museum Essen, »zwischen den künstlerischen Disziplinen (…) Architektur, Bühnenbild, Film, Design und bildender Kunst«.
Reese indes ist von dem 46-jährigen Belgier überzeugt. »Wer solcherart Räume in magische Orte zu verwandeln vermag wie Hans Op de Beeck mit seinen Installationen und Filmen, der ist für das Theater wie geschaffen, wo es ja um nichts anderes geht«, sagt der Frankfurter Intendant, ohne eine Sekunde nachzudenken. Die Eingebung, den Künstler für seine Bühne zu gewinnen, habe ihn auf einer Werkschau in der Kunsthalle Hannover 2012 heimgesucht.
Einen Hauch von Reeses Erweckungserlebnis können Interessierte bis zum 19. September noch im Frankfurter Fotografie-Forum in der Braubachstraße nachempfinden, das im Rahmen der Fotoschau »Ray« Op de Beecks filmische Arbeit  »Staging Silence II« (Foto oben)vorstellt, die auf der Fläche eines Ofenbackblechs Großwelten und Landschaften imaginiert. Auf Youtube lässt sich »Staging Silence I« goutieren, das Op de Beeck aber für schwächer hält.
Folgt man dem Belgier, der es weltweit auf jährlich 30 Ausstellungen bringt und dafür fünf Mitarbeiter beschäftigt, dann rannte Oliver Reese in seinem Gespräch mit ihm in Brüssel vor zweieinhalb Jahren offene Türen ein. Er habe sich das sehr gut vorstellen können, ein Stück zu inszenieren, sagt er, auch wenn sich seine Bühnenerfahrung bisher nur auf ein Design für die Oper Lyon oder für eine Bauchtanz-Inszenierung mit dem Marseiller Sinfonie-Orchester beschränke. Und weil er auch immer wieder schreibt, wie man an den Short Stories auf seiner Homepage sieht, so lag auch der Gedanke an ein eigenes Stück nicht fern. »Ich habe keine Sekunde gezögert, es hat mich sofort interessiert«.
Alle seine Geschichten, so setzt Op de Beeck an, handelten vom ganz gewöhnlichen Leben, von seinen Tragödien, aber auch von seiner Leichtigkeit: »Ich will den Menschen dort abholen, wo er ist, und keine intellektuellen Limits setzen«. Seine Haltestelle zum Einstieg sei die eigene Erfahrung, das allgemeine Bewusstsein, dass sich Tragik und Freude, Tristesse und Glück im Leben immer wieder verbänden. »Eine Tragödie, die den Ernst nicht zu überwinden vermag, ist so unglaubwürdig wie ein permanenter Glückszustand«, weiß der Belgier.  Wie weit und wie tief sich das Publikum mitnehmen lasse, liege dann ganz in seinem Ermessen.  
So soll es auch bei »Nach dem Fest« werden, dessen drei Hauptfiguren dem Autor zufolge alle ihren Lebenszenit schon überschritten, ihr »Fest« also schon hinter sich zu haben meinen. Der verrentete Vater Bernhard (Peter Schröder), dem die Tochter Lauren (Franziska Junge) eine dreiwöchige Wellness-Kur spendiert, moderierte gar mal als Wissenschaftler ein eigenes prominentes TV-Format und empfindet nun nichts als Leere. Seine Tochter Lauren hat sich nach einem Nervenkollaps scheiden lassen und ihre steile Karriere als Ingenieurin jäh beendet. Sie ist in das Elternhaus zurückkehrt, um via Internet nur noch als virtuelle Existenz mit der Außenwelt zu kommunizieren. Ihr Zwillingsbruder Anton (Torben Kessler) sitzt als ehedem begeisterter Backpacker beinamputiert im Rollstuhl auf einem fernen Landgut, wo er wie besessen Gartenaquarelle malt und dabei nicht merkt, wie er sich immer weiter von seiner Frau Elise (Verena Bukal, die auch die Krankenschwester des Vaters spielt) entfernt.  
Hans Op de Beeck hat neben der Musik – selbstredend – auch die Bühne für das Kammerspiel konzipiert, auf der drei Inseln in Weiß (Vater), Schwarz (Lauren) und Grau (Anton) die isolierten Lebenswelten der Protagonisten widerspiegeln. Das eigentliche Band aber, das dieses Trio über alle E-Mail- und Webcam-Kontakte  hinaus zusammenhält, offenbart ein dunkles, tief verdrängtes Familiengeheimnis, das sich vor uns langsam zu entrollen beginnt. Demnächst in unserem Theater. 

Winnie Geipert
Termine: 19., 24., 25. September, jeweils 20 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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