Schauspiel Frankfurt:
Dave St-Pierre inszeniert »Macbeth«

© Birgit HupfeldSprachlos unter Dämonen

Es ist die erste Arbeit des franko-kanadischen Choreografen Dave St-Pierre für das Sprechtheater, und sogleich treibt er dem Text die Seiten aus. Und lässt einen »Bastard«, wie es im Untertitel der Ankündigung heißt, übrig – mit nur noch drei der etwa 40 Seiten von William Shakespeares finsterer Tragödie »Macbeth«. Für einen, der Bewegung und Körperlichkeit mehr vertraut als Wörtern und Sprache, macht das Sinn.
Dave St-Pierre begibt sich mit den Ensembleschauspielern – er verzichtet bewusst auf professionelle Tänzer! – auf die Suche nach der dunklen Seite im Menschen, durch eine ins Extrem getriebene physische Präsenz. Unterstützt wird er dabei von dem Videokünstler Alex Huot, der seine Bilder auf Tischflächen und Körper projiziert, und dem Musiker Stéfan Boucher, der das Geschehen mit einem unheilvollen elektronischen Klangteppich grundiert. Die düstere Bühne besteht zum größten Teil aus Tischen, die immer wieder neu geordnet als Projektionsfläche, Laufsteg oder auch Sterbebett dienen.
Mit Lady Macbeth und dem zunächst wankelmütigen Königsmörder Macbeth erzählt Shakespeare von zwei Liebenden, die zu Verbrechern werden. Sie werden die bösen Geister, die sie riefen nicht mehr los, sondern von ihnen beherrscht und immer weiter getrieben. Schwarze Kapuzenmenschen verkörpern diese Dämonen. Gleich zu Anfang, wenn Constanze Becker als Lady Macbeth mit langer Schleppe über die Bühne schreitet und sie beschwört schauen zwei davon unter ihrem wallenden Rock hervor und ergreifen von ihr Besitz. Ihre Machtgier und seine sexuelle Abhängigkeit sind die Triebfeder ihrer Taten. Plakativ versinnbildlicht in einem Liebesakt auf der Bahre des ermordeten Duncan (Christoph Pütthoff).
Und zunehmend breitet sich die Angst aus in den Köpfen und Körpern. Jan Breustedt zeigt als oberste Hexe Hekate von Beginn an beeindruckendes tänzerisches Vermögen. Zu Höchstform läuft er allerdings auf, als ein sich aus der Erde schälender Lurch zum angeseilten fliegenden Ungeheuer wird, das Macbeth (Victor Tremmel) im Nacken sitzt und ihn mit seinen Einflüsterungen immer weiter bis hin zum Wahnsinn treibt.
Am Ende zieht ein gehetzter Macbeth Dutzende von Leichen hinter sich her. Will sich davon befreien. Ohne Erfolg. An der Last seiner vielen Morde geht er zugrunde.
Ein Abend, der fast ohne Textpassagen auskommt und doch die Essenz der Tragödie transportiert. Den Schauspielern gelingt das überzeugend. Ein Bildertheater, das Elemente von Schauspiel, Tanz und Performance  vereint und mittels einer ausgeklügelten Lichtregie (Frank Kraus) zum Leuchten bringt. Lässt man es auf sich wirken und taucht ein, in die durch Licht und Sound erzeugte Atmosphäre, spürt man die Verderbnis, die dieser Tragödie zugrunde liegt. Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte! Allemal eine Herausforderung an textverwöhnte Zuschauer – doch eine, die sich lohnt.

Walter H. Krämer
Termine: 22., 28. , 29. Mai 19.30 Uhr
www. schauspielfrankfurt.de

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