Schauspiel Frankfurt Box: Alexander Eisenachs »Der Goldene Fleiß«

Mit Voodoo zu Wohlstand

Jason und Jayson, die Argonauten und die Goranauten, das Goldene Vlies und der Goldene Fleiß: Die Ausgangssituationen des antiken Mythos und die seiner eigenwilligen Adaption durch das ehemalige Regiestudio-Mitglied Alexander Eisenach sind nicht ganz dieselben. In der antiken Version ist Jason ein Räuber und Dieb, und das Goldene Fell des Widders ist im »rechtmäßigen« Besitz des Königs von Kolchos.  In der Box des Frankfurter Schauspiel aber wird das Vlies zu dem von Europas Kolonialmächten in Afrika gestohlenen Fleiß. Jedenfalls sagt das, sehr archaisch, die Voodoopriesterin von Darfur in sehr modernen Worten zu den Freunden Jayson und Marbadu und schickt sie nach Europa, um ihn zurückzuholen und somit die Lethargie und Faulheit (!) des Schwarzen Kontinents zu beenden.
Natürlich kann das nicht gut gehen, und die beiden Intellektuellen aus dem Sudan landen nach einer halsbrecherischen Fahrt über das Mittelmeer – die Aktualität stellt sich dabei von selbst her – im Land des Fleißes. Wie Deppen werden sie dort behandelt, von oben herab wohlwollend oder mit Schmäh. Hilfe kommt nur von Außenseitern, dem hier »zum Diskurs« gewordenen Transvestiten Madame Dea. Der eine, Jayson, passt sich an, um vielleicht doch noch zu ergründen, was die Quelle des Glücks und des Reichtums sein könnte, der andere verstummt völlig.
Womöglich kann man die Geschichte aber auch so lesen: Der Fleiß, der Europa so golden macht, ist immer noch in Afrika – denn wer baut die Seltenen Erden, die Mineralien und Erze unter welchen Bedingungen und zu wessen Nutzen ab, arbeitet unter schwersten Bedingungen und profitiert kaum vom reichen Erdölvorkommen? Geht es vielleicht weniger um Lethargie und Geschichtslosigkeit, wie es die Eingeweideschau nahe legt, als um Besitzverhältnisse? Sind Jayson und Marbadu vielleicht gar auf dem falschen Trip? Oder kommen sie eben nicht als Bittsteller, sondern als Feinde, sich die bessere Zukunft zu holen, wie das Programmheft andeutet?
Unter der Regie von Daniel Foerster begeben sich Carina Zichner als Jayson und Timo Fakhravar als Marbadu auf die Suche, wie weiland Parsifal nach dem Gral, so deutet es die Musik an. Gekleidet wie lässige Chicago-Men der 20er Jahre (Kostüme: Katja Quinkler), mimisch und körperlich unglaublich beweglich, überleben sie zusammen mit dem schmierig-gierigen Schlepper Goras (Alexej Lochmann, der auch die Dragqueen Madame Dea überzeugend verkörpert) Schiffbruch und Rettung in einer atemberaubenden Performance. Paula Skorupa gibt unter anderem den hintergründig-gewitzten Voodoopriester, glaubhaft archaische Handlung – Wühlen und Lesen in den blutigen Eingeweiden eines Opfertiers – und elaborierten Intellektuellen-Sprech miteinander verbindend.
Eine sehenswerte Produktion von Regiestudio und Autorenstudio, schauspielerisch eine Glanzleistung aller Darsteller – aufwühlend, nachdenklich machend und gleichwohl unterhaltsam, rundum empfehlenswert!

Katrin Swoboda (Foto: © Birgit Hupfeld)
Termine: 15. Mai, 21.45 Uhr + 16. Mai, 20 Uhr
www.schauspiel-frankfurt.de

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