Schattenboxen (86)

Regierungschefs bemänteln seit Urzeiten die Unfähigkeit, ihr Land zu regieren, mit Außenpolitik. Man hat da gerne mal einen Krieg angefangen oder wenigstens jemandem (am liebsten den Amis) einen Fehdehandschuh hingeworfen, internationale Organisationen beschimpft (z.B. die Eurokraten in Brüssel, die sich allerdings auch jeden Schimpf redlich verdient haben) oder die Nachbarn. So wird heute Deutschland gleichzeitig von Eurokraten, der französischen Regierung, Italienern und dem griechischen Volk angepöbelt. Die Franzosen behaupten, deutsches Lohndumping sei die Ursache für Deutschlands Erfolg, denn es verschaffe ihm einen unfairen Vorteil unter anderem den Franzosen gegenüber– und nicht deren – mittlerweile sogar von Brüssel gerügter – völliger Reformunwille. So lässt sich der französische Präsident in Mali als Befreier feiern – und reiht sich ein als treuer Gefolgsmann in die »Schlacht um Damaskus«. So ist Merkel für die Griechen ein Hitlerzombie, weswegen diese Steinbrück wählen würden, der ihnen aber auch nichts anderes als den Stinkefinger zeigen könnte. So droht Berlusconi, schon lange ein Untoter, der es seltsamerweise immer wieder fertiggebracht hat, Knoblauch aus seinem Sarg und den Pfahl aus seinem Herzen zu reißen, im Kampf gegen das »deutsche Spardiktat« gerne, den Euro zu verlassen. (Ach wenn er das nur tun könnte und würde!)

Und überall wird von Wachstum geplappert (auch von sogenannten namhaften Ökonomen, die vor allem bei Verdi und dem Betriebsratsvorsitzenden der CDU beliebt sind), das vom deutschen »Austeritätswahn« ausgebremst würde, als gäbe es irgendwo ein Warenhaus, in dem man Arbeitsplätze und Wachstum kaufen könnte, vor dem aber die Deutschen ständen und die Ausweise kontrollierten.

Die Krone des Unverstands gebührt dem Franzosen Hollande, der jüngst als Ursache für französische Arbeitslosenzahlen die hohen französischen Geburtenraten ausfindig machte, Geburtenraten, für die sich die übrige westliche Welt alle 10 Finger ablecken würde.

Der Mann ist nicht mal in der Lage zu begreifen, daß jeder zusätzliche Franzose die Binnennachfrage stärkt – und damit womöglich Wachstum induziert.

Diese Art Schattenboxen ist natürlich auch in Deutschland gang und gäbe. Neu ist, daß offenbar niemand mehr an die eigenen Heilsbotschaften glaubt. Trotzdem machen sich in allen Parteien Europas die Sozialklempner breit und bieten große Lösungen für kleine Probleme, alle übrigen weitgehend ignorierend.

Unser Kontinent bietet alles in allem einen deprimierenden Anblick. Dieses Europa ist weder erstrebenswert, noch haltbar – geschweige denn zu regieren.

Hätten wir keinen Euro, so wäre jedes Land überwiegend für sich selbst zuständig. Mit dem Euro sind alle auf die Deutschen angewiesen, wollen aber auf keinen Fall, daß die irgendwas zu sagen haben. Was die meisten Deutschen auch gar nicht wollen. Wir wollen nur nicht (und bald können wir auch nicht mehr): für den Quatsch der andern zahlen. Der eigene ist schon teuer genug.

Kurt Otterbacher

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