Ruhrbarone: Bookzine 05

RuhrbaroneWenn Zeilenhuren alles selber machen: Das geile Bookzine 05 der Ruhrbarone

Länger her, dass ein Printmagazin mir beim ersten Hineinblättern derart den Puls beschleunigte und mich fiebrig werden ließ. Ich denke, es war McSweeny‘s großformatige San-Francisco-Ausgabe. Und jetzt die Ruhrbarone. Fettes Ding, das Bookzine 05 zum Thema »selber machen!«

»Das wird mir keiner glauben, ich hab auf jeden Fall die beste Story auf der Party«, denkt sich da ein junger Mann, als er die Tür öffnet, ihn ein Faustschlag mitten ins Gesicht trifft und die Wohnung von einem Sondereinsatzkommando gestürmt wird. Der Kaffee auf der Wache schmeckt beschissen. Langsam dämmert ihm, was los war letzte Nacht. Er war betrunken. Auf dem Heimweg ist er mit irgendeinem Wichser in Streit geraten. Hat einen Menschen erschlagen. Jetzt wandert er in den Knast. »In die JVA … Was denkst du denn, zur Bahnhofsmission?« Ein junger Mann erzählt hier vom Wendepunkt seines Lebens: Gewalt, Knast, Suizid. Aufgeschrieben hat die Geschichte Sascha Bisley. Es ist nur einer von einem Dutzend guter Texte im Heft. Der 1,96 große Bisley steigt in Köln bei der »Night oft he Raging Bulls« selbst in den Boxring, die Fotografin Sabine Spingler hat monatelang in einem Swingerclub fotografiert, Maren Endler aus Essen den Comic »Auf der Suche nach dem Selbst« gezeichnet, Christoph Schurian war im estnischen Tallinn auf Europas bestem Schießstand, Thomas Duffé rückt Hausschlachtungen ungeschminkt nahe, Bastian Schlange ändert bei einem Presse-Truppenbesuch im Kosovo aus Gründen der nationalen Sicherheit die Namen der beschriebenen Personen und reibt sich ironisch-verwundert die Augen, dann lädt auch noch die »Wattenscheider Schule« zum Selbstversuch bei der Reise ins Jenseits. Ok, die von Vincent Burmeister gezeichnete grafische Reportage »Operation: Blitz. Der Angriff der Deutschen auf das afghanische Dorf Quatliam« (Text: David Schraven) ist beider Buch »Kriegszeiten« im Carlsen-Verlag entnommen, gehört aber irgendwie zwingend in dieses genre-erweiternde Bookzine, das seinem Thema auch bei der Frage, ob Onanieren krank macht, ins Auge sieht und mehrere, teils richtig zu Herzen gehende »Wichs-Geschichten« parat hält.

Diese fünfte Print-Ausgabe der Ruhrbarone, einer wirklich frischen Truppe aus dem Revier, ist in der Tat ein Statement. S.Qu.A.T. – Storys mit Qualität: authentisch und tough!, nennt Chefredakteur Bastian Schlange das im Editorial und kündigt an, dass S.Qu.A.T. sich noch viele Schlachtfelder suchen wird. Zitat: »Die Ruhrbarone sagen: Journalisten und Medienschaffende sind mehr als Zeilenhuren, Content-Schubsen und Kästchen-Jongleure, mehr als fucking Presstitutes! Fear and Loathing gibt es genug: ob Verlage, Anzeigenkunden und Entlassungswellen oder Sicherheitsdenken, Sparzwänge oder Gewinnmaximierung. Wo bleibt die Luft zum Atmen?

Wir haben es satt, uns zu beschweren… Wir machen es selbst!«

Jörg Fauser hätte seine Freude daran gehabt.

Alf Mayer
»Ruhrbarone Bookzine 05«, insgesamt 220 fette Seiten, 8,50 Euro.
http://ruhrbarone-bookzine.de

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