Roger Hobbs furioser Debür-Thriller »Ghostmann«

Weniger als 48 Stunden

Zweitausend Dollar liegen auf dem Tisch. Immer wieder schaut der Informant das Geld an. Benjamin Franklins Gesicht starrt zurück. Auf keinem in den Vereinigten Staaten gedruckten Zahlungsmittel findet man ein lächelndes Gesicht. Alle starren sie mit tödlichem Ernst von den Dollars, Benjamin scheint sogar durch einen hindurch zu schauen. Seine Augen folgen dem Betrachter überallhin, wie die Augen der Mona Lisa.

Ganz beiläufig, nachdem es schon mehr als 200 Seiten um einen Haufen verschwundenes Geld geht, findet man diese kleine Betrachtung in Roger Hobbs »Ghostman«. Und ja, sie stimmt. Kein Geldschein lacht je zurück. Immer wieder verpasst der Autor uns solch einen beiläufigen Streifschuss. Hätte man immer schon wissen, aus anderen Büchern längst erfahren können. Wenn es denn dort gestanden hätte.

Als abgebrühter Leser fand ich es erstaunlich, wie oft Roger Hobbs mich in seinem Erstling überraschte. Die Sache mit dem Geldkreislauf zwischen Banken und der Federal Reserve, der US-Notenbank, und die »Bundesbeiladung«, ein »Wort das kein Mensch hören will«, besonders der Ghostman nicht. Die Sache mit unserer Gedächtnisleistung, exemplifiziert daran, wenn man plötzlich einen Geldschein zeichnen soll. (Versuchen Sie’s mal!) Woher der Ausdruck »Wheelman« kommt, von einem Deutschen namens Herman Lamm nämlich, einem ehemaligen Soldaten, der seine Überfälle als taktische Operationen plante. Warum Naphtha, ein Gemisch aus Holzkohleteer und Petroleum, auch »Fackelsprit« (torch gas) genannt wird, und was es heißt, wenn das unter einem Auto tröpfelt. Mit welcher Farbe echtes Geld brennt (orange in USA), hunderte Sachen mehr.

Ok, die drei Methoden ein Kasino auszurauben. Durch den Vordereingang: Keine zwei Minuten Vorsprung mehr wie früher. Nr. 2: Alle Chips schnappen. Kann gelingen, aber man muss sie eintauschen. Drittens: Das Geld im Transit stehlen – unbedingt bevor es in einem Geldtransporter steckt – und dann in unter zwei Minuten weg zu sein.

Mit Methode drei fängt »Ghostman« an. Keine zwei Minuten später liegen vier Tote und über 100 Patronenhülsen auf dem Asphalt, Polizei und FBI sind aufgescheucht, einer der Räuber ist mit mehr als einer Million verschwunden.

Deshalb wird jetzt der Ghostman geweckt. Der Mann, der uns die ganze Geschichte erzählt und bei dem das Telefon in aller Frühe klingelt, ist der beste im Spurenverwischen nach einem Verbrechen. Jetzt muss er eines aufklären, weil er jemandem einen großen Gefallen schuldet. Er lebt allein, schläft allein, isst allein, traut niemandem. Es geht ihm nicht um Geld, das Nötige weiß er immer zu besorgen. Er lebt »für den Rausch, nicht für die Dollarzeichen, die daran hängen«.

Schichtweise enthüllt sich während seines Feuerwehreinsatzes in Atlantik City die Katastrophe eines alten Jobs in Malaysia; eine Parallelgeschichte mit einem sehr bösen Wolf, in der alle Handlungsstränge kulminieren. Den Lokomotiven, die da aufeinander zurasen, können wir beim Fahrtaufnehmen zuschauen. Das ist es, was ein Thriller braucht: »locomotive breath«, Jethro Tull lässt grüßen. Tempi und Töne, Dialogfeuer und Infos, Cliffhanger und freien Fall jongliert der 24-jährige Roger Hobbs in seinem Debütroman gekonnt und cool. Neben der Dynamik der Personenkonstellationen ist auch die verrinnende Zeit der Faktor. Dobbs weiß, wie man das Tempo erhöht und die Erzählung in Kurven wirft, dass die Reifen quietschen. Die Uhr tickt gegen den Ghostman, und dennoch muss er manche Stunde verstreichen lassen, beschäftigt sich dann mit dem, was ihn seit jeher entspannt: Lateinisch lesen und übersetzen. Ovids »Metamorphosen« zum Beispiel.

»Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo«, sein persönliches Motto, dessen Entstehen sehr schön beschrieben wird, setzt der Ghostman schließlich in die Tat um. Es bedeutet: »Kann ich die himmlischen Götter nicht mir beugen, setze ich die Hölle in Bewegung.« Der Showdown ist fulminant. Um einen Klappentext Elmore Leonards für Bill Crider zu zitieren: »If this book moved any faster, you would have to nail it down to read it.«

Roger Hobbs: Ghostman. (Originaltitel: Ghostman.) Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Goldmann Verlag, München 2013. Klappenbroschur, 381 Seiten, 14,99 Euro.

Zweitausend Dollar liegen auf dem Tisch. Immer wieder schaut der Informant das Geld an. Benjamin Franklins Gesicht starrt zurück. Auf keinem in den Vereinigten Staaten gedruckten Zahlungsmittel findet man ein lächelndes Gesicht. Alle starren sie mit tödlichem Ernst von den Dollars, Benjamin scheint sogar durch einen hindurch zu schauen. Seine Augen folgen dem Betrachter überallhin, wie die Augen der Mona Lisa.
Ganz beiläufig, nachdem es schon mehr als 200 Seiten um einen Haufen verschwundenes Geld geht, findet man diese kleine Betrachtung in Roger Hobbs »Ghostman«. Und ja, sie stimmt. Kein Geldschein lacht je zurück. Immer wieder verpasst der Autor uns solch einen beiläufigen Streifschuss. Hätte man immer schon wissen, aus anderen Büchern längst erfahren können. Wenn es denn dort gestanden hätte.
Als abgebrühter Leser fand ich es erstaunlich, wie oft Roger Hobbs mich in seinem Erstling überraschte. Die Sache mit dem Geldkreislauf zwischen Banken und der Federal Reserve, der US-Notenbank, und die »Bundesbeiladung«, ein »Wort das kein Mensch hören will«, besonders der Ghostman nicht. Die Sache mit unserer Gedächtnisleistung, exemplifiziert daran, wenn man plötzlich einen Geldschein zeichnen soll. (Versuchen Sie’s mal!) Woher der Ausdruck »Wheelman« kommt, von einem Deutschen namens Herman Lamm nämlich, einem ehemaligen Soldaten, der seine Überfälle als taktische Operationen plante. Warum Naphtha, ein Gemisch aus Holzkohleteer und Petroleum, auch »Fackelsprit« (torch gas) genannt wird, und was es heißt, wenn das unter einem Auto tröpfelt. Mit welcher Farbe echtes Geld brennt (orange in USA), hunderte Sachen mehr.
Ok, die drei Methoden ein Kasino auszurauben. Durch den Vordereingang: Keine zwei Minuten Vorsprung mehr wie früher. Nr. 2: Alle Chips schnappen. Kann gelingen, aber man muss sie eintauschen. Drittens: Das Geld im Transit stehlen – unbedingt bevor es in einem Geldtransporter steckt – und dann in unter zwei Minuten weg zu sein.
Mit Methode drei fängt »Ghostman« an. Keine zwei Minuten später liegen vier Tote und über 100  Patronenhülsen auf dem Asphalt, Polizei und FBI sind aufgescheucht, einer der Räuber ist mit mehr als einer Million verschwunden.
Deshalb wird jetzt der Ghostman geweckt. Der Mann, der uns die ganze Geschichte erzählt und bei dem das Telefon in aller Frühe klingelt, ist der beste im Spurenverwischen nach einem Verbrechen. Jetzt muss er eines aufklären, weil er jemandem einen großen Gefallen schuldet. Er lebt allein, schläft allein, isst allein, traut niemandem. Es geht ihm nicht um Geld, das Nötige weiß er immer zu besorgen. Er lebt »für den Rausch, nicht für die Dollarzeichen, die daran hängen«.
Schichtweise enthüllt sich während seines Feuerwehreinsatzes in Atlantik City die Katastrophe eines alten Jobs in Malaysia; eine Parallelgeschichte mit einem sehr bösen Wolf, in der alle Handlungsstränge kulminieren. Den Lokomotiven, die da aufeinander zurasen, können wir beim Fahrtaufnehmen zuschauen. Das ist es, was ein Thriller braucht: »locomotive breath«, Jethro Tull lässt grüßen. Tempi und Töne, Dialogfeuer und Infos, Cliffhanger und freien Fall jongliert der 24-jährige Roger Hobbs in seinem Debütroman gekonnt und cool. Neben der Dynamik der Personenkonstellationen ist auch die verrinnende Zeit der Faktor. Dobbs weiß, wie man das Tempo erhöht und die Erzählung in Kurven wirft, dass die Reifen quietschen. Die Uhr tickt gegen den Ghostman, und dennoch muss er manche Stunde verstreichen lassen, beschäftigt sich dann mit dem, was ihn seit jeher entspannt: Lateinisch lesen und übersetzen. Ovids »Metamorphosen« zum Beispiel.
»Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo«, sein persönliches Motto, dessen Entstehen sehr schön beschrieben wird, setzt der Ghostman schließlich in die Tat um. Es bedeutet: »Kann ich die himmlischen Götter nicht mir beugen, setze ich die Hölle in Bewegung.« Der Showdown ist fulminant. Um einen Klappentext Elmore Leonards für Bill Crider zu zitieren: »If this book moved any faster, you would have to nail it down to read it.«
Roger Hobbs: Ghostman. (Originaltitel: Ghostman.) Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Goldmann Verlag, München 2013. Klappenbroschur, 381 Seiten, 14,99 Euro.

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