Raben (79)

Auch ich war mal Saisonarbeiter, damals Ende der 1960er, als ich Schüler am Hessen Kolleg war. Unsere Schicht begann um 16 und endete um 22 Uhr. Unser Amazon hieß Neckermann. Als Schüler bekamen wir 5 DM die Stunde. Studenten und erwachsene Saisonarbeiter – meist Hausfrauen aus Friedberg und Umgebung, erhielten 7 Mark fuffzig.

Saison bei Neckermann waren die Monate vor Weihnachten und vor Ostern. Die Arbeitsorganisation ähnelte der von Amazon. Was heute »Picker« heißt, hieß bei Neckermann »Rausmacher«. Durch die paar Stockwerke der riesigen Lagerhalle bewegten sich Lieferschalen, an Ketten angebracht wie ein Sessellift im Skigebiet. In jedem Sessel befand sich ein Versandauftrag, den die EDV ausgedruckt hatte. Wenn der Sessel bei dir vorbeikam, musstest du den Auftrag danach prüfen, ob die georderte Ware in den dir zugeteilten Regaleinheiten lag. Wenn ja, musstest du sie da »Rausmachen«, in die Sesselschale legen und auf der Bestellung abhaken. Am Ende der Sessellift-Straße wurde der Sessel geleert, die Sendung verpackt, zugeklebt und auf eine Rutsche geworfen.

Unten standen Leute, die die Sendungen sortierten und in Eisenbahnwaggons luden. Nichts Neues sub sole.

Der Unterschied zu damals war, daß die Leute – und zwar die meisten – geklaut haben, wie die Raben. Es war ganz einfach, sich auszuziehen und die geklauten Klamotten in mehreren Schichten unter den eigenen Kleidern zu verbergen. Die Security bestand nur aus ein paar Pförtnern, die von Zeit zu Zeit jemanden aus der Gruppe der Leute beim Verlassen des Werks herausholten.

Manchmal gelang ihnen auch ein Coup. Ich erinnere mich an eine Frau, die sieben Unterröcke anhatte und so dämlich war, die Preisschilder nicht abzumachen, so dass sie unten aus ihrem Mantel heraus baumelten.

Die dreistesten Diebstähle wurden aber von höheren Chargen begangen. Die fälschten sich die Lieferscheine, wie sie sie brauchten. Einer bestellte sich z.B. ein komplettes Eigenheim aus Holz, ließ nach erfolgter Lieferung die Lieferscheine verschwinden und löschte den Auftrag im System. Der Mann wurde schließlich erwischt, weil jemand auf die Idee kam, die Aufträge zu duplizieren, bevor sie ausgeführt wurden.

Man kann das als Unternehmer sportlich sehen und sagen, ihr könnt gerne versuchen, uns zu beklauen. Dafür haben wir das Recht, zu versuchen, euch zu erwischen.

Vielleicht ist Amazon ein wenig zu unentspannt vorgegangen. Der Eindruck drängt sich aber auf, daß der Online-Händler nur eine der weiteren Säue ist, die durchs Dorf getrieben werden müssen.

Kurt Otterbacher

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