Petra Morsbachs großer Roman »Justizpalast«

Mit Hintern oder Hirn?

Sie war fast vierzig, als ihr erster Roman erschien. Vorher hatte sie zehn Jahre am Theater gearbeitet. Davor in Slawistik über Issak Babel promoviert. Dieser lange Vorlauf hat sich ausgezahlt. Was sie macht, das macht sie gründlich. Egal, worüber sie schreibt, sie kennt sich aus. Gleich, ob es um Pferdezucht, Theaterintrigen, um Gottesdiener, oder, wie jetzt, um das Gerichtswesen geht. Ihre Romane sind dicht, materialgesättigt, von Erfahrung durchdrungen und von lakonischer Melancholie. Süffig geschrieben und spannend dazu.

Thirza Zorniger, Tochter aus einer gescheiterten Ehe, wird von ihrer Großmutter und deren Schwestern aufgezogen. Der Großvater, ein ehemaliger Strafrichter, beschützt sie, »nicht herzlich, nicht einfühlsam, doch unerschütterlich«. Als er stirbt, ist Thirza junge Staatsanwältin und fragt sich, »was würde aus ihr?«. Sie stürzt sich in die Arbeit und merkt bald, dass »die leuchtende juristische Logik nicht mit der gebotenen Akkuratesse auf das chaotische Leben anwendbar ist.« Ihre Erwartungen an die Rechtsprechung sind groß. Sie werden von der juristischen Praxis nicht immer eingelöst. Wie soll man »aus einem Wust von Klagen, Widerklagen, … Täuschung, Irrtum, Versäumnis, Unfähigkeit und Verbohrtheit die entscheidenden Informationen herausfinden?« Man versucht, »aus einem Klumpen Missgeschick, Rücksichtslosigkeit, Selbstgerechtigkeit und Versagen ein Verhandlungskonzept« zu entwickeln. Beruf und Berufung kommen nicht zur Deckung.
Auch privat läuft es nicht rund. Nach einer ersten festen, aber »desaströsen« Beziehung, trifft sie auf einen Verwaltungsjuristen, »achtundvierzig Jahre alt, randlose Brille, graumeliert, akkurat, intelligent, geschieden«. Er wollte eine »Teilzeitgefährtin: gemeinsame Reisen, Opernbesuche, gepflegte Abendessen … Keine Verantwortung, schon gar nicht finanziell«. Mit ihm riskiert man nichts, erlebte aber auch »keine Begeisterung, keine Herzlichkeit, keine Wärme«. Sie trennen sich nach vier Jahren. Nun sah Thirza »die ganze Ödnis ihres künftigen Lebens als einsame Palastrichterin vor sich: Arbeit bis zum Scheitel, Pflichterfüllung inmitten eines Meeres von Rücksichtslosigkeit, Empörung, Unglück und Gier, zähe Vergleiche, Urteile, die nichts heilen, … alles, was ich entscheide, wird nach dreißig Jahren eingestampft, von mir bleibt nichts«. Inzwischen ist sie 39 und Richterin am Landgericht München. Sie zieht für sich eine Art Bilanz ihres bisherigen Lebens – und zwingt sich zur Beherrschung ihrer Emotionen. »Wir überspringen jetzt die Phasen von Selbsthass und Jammer und kommen zur Arbeit. Das ist nicht das Schlechteste: Wohl dem, der sich im Beruf verwirklichen kann!«
Auch der juristisch ungebildete Leser profitiert von dieser Arbeitswut. Wir erfahren viel von dem Kampf um Ämter, um Aufstieg, Intrigen, Eifersüchteleien und immer wieder sind wir, die Leser, mittendrin in spannenden, außergewöhnlichen Fallgeschichten, und Zeuge falscher, haarsträubender, empörenden Entscheidungen. Wir begleiten sie auf dem Weg durch die verschiedenen Kammern. Sehr pointiert heißt es: »Ein Strafrichter arbeitet mit dem Hintern, ein Zivilrichter mit dem Kopf.« Immer wieder beschreibt Petra Morsbach minutiös, wie sich Ehepaare zerfleischen, Kinder auf der Strecke bleiben und Nachbarn sich bis aufs Blut bekämpfen. Oft fiebert der Leser regelrecht mit, hofft auf ein richtiges, gerechtes Urteil.
Manchmal fühlt sich Thirza total überfordert und befürchtet, dass »die Justiz ein ehrfurchtgebietendes, schwindelerregendes Konstrukt aus Anspruch und Verblendung,…Moral und Missbrauch« ist. »Sie sah vor sich den Abgrund und spürte fast physisch den Druck der Zeit, der sie weich, aber unaufhaltsam über die Kante schob.« Und dann begegnet sie Max. Ehemals Anwalt, aber lieber wäre er Schriftsteller geworden. Er war unkompliziert, fröhlich, »die Welt schien für ihn ein riesiges Kabarett zu sein«. Ihr gemeinsames Glück dauert sechzehn Jahre, dann ist sie wieder allein.
Der Roman endet versöhnlich: »Das Unrecht geht weiter, aber das Bemühen um Gerechtigkeit auch.« Morsbachs »Justizpalast«, nicht nur spannend, ist sogar lehrreich, glänzend geschrieben und unterhaltsam. Juristen, hat man gelernt, das sind eigenartige Lebewesen. Hier lernt man sie kennen. Und am Ende weiß man wirklich mehr, nicht nur über das Recht. Ein starkes Stück.

Sigrid Lüdke-Haertel
Petra Morsbach: Justizpalast. Roman
Knaus Verlag, München 2017, 479 S., 25 €

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