Peter Schneider: »Die Lieben meiner Mutter«

Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter9Eine Frau, die alles gab

Der Schriftsteller Peter Schneider, 1940 geboren, kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Er war einer der führenden Protagonisten der Berliner Studentenbewegung. Er erhielt Berufsverbot – und er schrieb. Bücher, die eine ganze Generation geprägt haben. »Lenz«. »Schon bist du ein Verfassungsfeind«. 1982, noch immer links, aber unorthodox, schrieb er den Roman »Der Mauerspringer«. Zuletzt hat er mit seinem selbstkritischen Rückblick auf die wilden Jahre »Rebellion und Wahn« große Aufmerksamkeit gefunden. Und jetzt: ein Buch, wie man es von ihm wirklich nicht erwartet hätte.

Immer, wenn Peter Schneider umzog, und das machte er häufig, war ein Schuhkarton dabei: Briefe seiner Mutter, geschrieben in der altdeutschen Sütterlinschrift und deshalb für ihn unlesbar. Erst vor ein paar Jahren transkribierte ihm eine Freundin die Briefe, und seine Überraschung war groß.

Seine Mutter hatte während des Krieges und bis zu ihrem frühen Tod viele Briefe an ihren Mann Heinrich, einem Kapellmeister geschrieben. Aber auch an Andreas, dessen besten Freund und ihren Geliebten. Die Eltern hatten Andreas, den Opernregisseur, zu Beginn des zweiten Weltkrieges in Königsberg kennengelernt. Die Mutter hatte sich sofort in ihn verliebt und eine völlig offene Dreiecksbeziehung begonnen, die der Vater in seiner »unerschütterlichen Zuneigung« und ohne »Anwandlungen der Verzweiflung« gestattete. Schneider war acht, als seine Mutter 41-jährig starb. Er hatte nur noch vage Erinnerungen an sie. In den Briefen, die Schneider zitiert und oft erschüttert kommentiert, erlebt er eine Frau, die in den letzten Kriegsjahren und in der frühen Nachkriegszeit unter schwierigsten Bedingungen sich mit ihren vier Kindern praktisch allein durchschlägt und die zugleich ohne Hemmungen oder Rücksichten ihre Leidenschaft zu ihrem Geliebten zu leben, das heißt für sie: zu beschreiben versucht. Dabei schlägt sie manchmal einen hohen Ton an. Es ist von »Schicksalshaftigkeit der Liebe«, von »Erlösung« und »Kreuzwegen« die Rede. Der Sohn erlebt die Mutter als »eine Träumende, die von ihrer Leidenschaft für Andreas verzehrt wurde«, sie ist »ihren Schwankungen zwischen Lebenslust und Schwermut fast hilflos ausgeliefert«, Schreiben ist für sie ein »Überlebensmittel« Die Mutter flieht mit den vier Kindern von Dresden über Bayreuth nach Grainau, einem Dorf in der Nähe von Garmisch. Ihr Vater, der sich nie für die Tochter interessierte, überlässt ihr, wenn auch ungern, sein Wochenendhaus. Es ist ein harter Überlebenskampf mit Hunger und Verzweiflung. Mühsam ernährt sie sich und die Kinder mit Näharbeiten. Für Schneider setzt die eigene Erinnerung erst richtig mit sieben ein. Seine ältere Schwester und er sind fasziniert von dem fünfzehnjährigen Willi. Er behauptet, er könne ihnen, mit Hilfe des Erzengels Michael, das Fliegen beibringen. Dafür brauche er Geld, Lebensmittel, Zigaretten, das die Kinder der Mutter stehlen. Unter Willis Einfluss entgleiten sie der Mutter immer mehr, was sie, auch mit Schlägen, aber vergeblich, zu verhindern sucht. Den Vater sehen sie nur manchmal an Wochenenden oder in den Ferien. Der Geliebte zieht sich immer mehr zurück, will schließlich gar keinen Kontakt mehr. Schneider schließt daraus, dass »kein Mann auf der Welt einer solchen Hingabe gewachsen« sein kann. Die Mutter stirbt an »Leberzirrhose, hieß es, an einer Immunschwäche, sagten andere. Ich glaube eher, dass sie an Erschöpfung gestorben ist – an Erschöpfung und einem gebrochenen Herzen«. Für den jetzt 70jährigen Sohn erschließt sich, über die Briefe, endlich das Leben der Mutter und auch seine eigene Biographie. Dabei ist er erschüttert über das Ausmaß der Liebessehnsucht, entsetzt, wie sie ihren Geliebten vergöttert hat und sich selbst erniedrigt. Aber endlich gelingt es ihm auch, »Frieden mit der Mutter zu machen«. Ein großes Buch, aus elenden Zeiten.

Sigrid Lüdke-Haertel
Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 299 Seiten, 19,99 €

Immer, wenn Peter Schneider umzog, und das machte er häufig, war ein Schuhkarton dabei: Briefe seiner Mutter, geschrieben in der altdeutschen Sütterlinschrift und deshalb für ihn unlesbar. Erst vor ein paar Jahren transkribierte ihm eine Freundin die Briefe, und seine Überraschung war groß.
Seine Mutter hatte während des Krieges und bis zu ihrem frühen Tod viele Briefe an ihren Mann Heinrich, einem Kapellmeister geschrieben. Aber auch an Andreas, dessen besten Freund und ihren Geliebten. Die Eltern hatten Andreas, den Opernregisseur, zu Beginn des zweiten Weltkrieges in Königsberg kennengelernt. Die Mutter hatte sich sofort in ihn verliebt und eine völlig offene Dreiecksbeziehung begonnen, die der Vater in seiner »unerschütterlichen Zuneigung« und ohne »Anwandlungen der Verzweiflung« gestattete. Schneider war acht, als seine Mutter 41-jährig starb. Er hatte nur noch vage Erinnerungen an sie. In den Briefen, die Schneider zitiert und oft erschüttert kommentiert, erlebt er eine Frau, die in den letzten Kriegsjahren und in der frühen Nachkriegszeit unter schwierigsten Bedingungen sich mit ihren vier Kindern praktisch allein durchschlägt und die zugleich ohne Hemmungen oder Rücksichten ihre Leidenschaft zu ihrem Geliebten zu leben, das heißt für sie: zu beschreiben versucht. Dabei schlägt sie manchmal einen hohen Ton an. Es ist von »Schicksalshaftigkeit der Liebe«, von »Erlösung« und »Kreuzwegen« die Rede. Der Sohn erlebt die Mutter als »eine Träumende, die von ihrer Leidenschaft für Andreas verzehrt wurde«, sie ist »ihren Schwankungen zwischen Lebenslust und Schwermut fast hilflos ausgeliefert«, Schreiben ist für sie ein »Überlebensmittel« Die Mutter flieht mit den vier Kindern von Dresden über Bayreuth nach Grainau, einem Dorf in der Nähe von Garmisch. Ihr Vater, der sich nie für die Tochter interessierte, überlässt ihr, wenn auch ungern, sein Wochenendhaus. Es ist ein harter Überlebenskampf mit Hunger und Verzweiflung. Mühsam ernährt sie sich und die Kinder mit Näharbeiten. Für Schneider setzt die eigene Erinnerung erst richtig mit sieben ein. Seine ältere Schwester und er sind fasziniert von dem fünfzehnjährigen Willi. Er behauptet, er könne ihnen, mit Hilfe des Erzengels Michael, das Fliegen beibringen. Dafür brauche er Geld, Lebensmittel, Zigaretten, das die Kinder der Mutter stehlen. Unter Willis Einfluss entgleiten sie der Mutter immer mehr, was sie, auch mit Schlägen, aber vergeblich, zu verhindern sucht. Den Vater sehen sie nur manchmal an Wochenenden oder in den Ferien. Der Geliebte zieht sich immer mehr zurück, will schließlich gar keinen Kontakt mehr. Schneider schließt daraus, dass »kein Mann auf der Welt einer solchen Hingabe gewachsen« sein kann. Die Mutter stirbt an »Leberzirrhose, hieß es, an einer Immunschwäche, sagten andere. Ich glaube eher, dass sie an Erschöpfung gestorben ist – an Erschöpfung und einem gebrochenen Herzen«. Für den jetzt 70jährigen Sohn erschließt sich, über die Briefe, endlich das Leben der Mutter und auch seine eigene Biographie. Dabei ist er erschüttert über das Ausmaß der Liebessehnsucht, entsetzt, wie sie ihren Geliebten vergöttert hat und sich selbst erniedrigt. Aber endlich gelingt es ihm auch, »Frieden mit der Mutter zu machen«. Ein großes Buch, aus elenden Zeiten.
Sigrid Lüdke-Haertel

Peter Schneider:
Die Lieben meiner Mutter
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 299 Seiten, 19,99 €

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