Paulette (Start: 18.7.2013)

Paulette (Start: 18.7.2013)Haschisch, Haschisch

»Paulette« von Jérôme Enrico

Eine Lokalnachricht gab die Anregung für diesen Film. Eine alte Dame aus einer Hochhaussiedlung habe sich ihre spärliche Rente mit dem Verkauf von Canabis aufgebessert, hieß es darin. Jérôme Enrico, Regisseur und Filmhochschuldozent, entwickelte daraus mit seinen Studenten das Drehbuch zu »Paulette«, einer köstlichen Krimikomödie, die es in Frankreich auf mehr als eine Million Kinobesucher brachte.

Dabei ist die titelgebende Hauptfigur eine verbitterte alte Frau, für die das Attribut ›unsympathisch‹ noch untertrieben ist. Die verwitwete Paulette hat ihren Mann geliebt und die Arbeit in der gemeinsamen Konditorei. Jetzt ist ein asiatisches Restaurant in die Räume eingezogen, und Pauline lebt in der berüchtigten Banlieue und muss mit einer kleinen Rente auskommen. Sie gibt den Ausländern, den Asiaten, Afrikanern und Arabern, die Schuld an ihrer prekären Lage und am Untergang Frankreichs. Das kommt auch in ihrer Beichte vor, in der sie um Vergebung für ihre kleinen Racheakte bittet. Doch dann sieht man auf der anderen Seite des Beichtstuhls den Priester: es ist ein Afrikaner. »Aber ich spreche doch nicht von ihnen, Vater Baptiste. Sie hätten es wirklich verdient, weiß zu sein«, redet sie sich heraus.

Die Szene ist charakteristisch für den Witz des Films. Natürlich ist Paulette eine verbitterte alte Frau, eine Rassistin sogar oder vielmehr die Karikatur einer Rassistin. Doch mit der Energie, mit der sie zeternd durch die Vorstadt zieht oder sich am Rande des Marktes um essbare Abfälle streitet, besitzt sie auch eine gewisse Faszinationskraft. Dieser Irren möchte man weiter zuschauen, und man ahnt schon, dass sie in dieser Verfassung nicht bleiben wird.

Regisseur Enrico dreht die Schraube immer eine Umdrehung weiter. Wenn Paulette gepfändet wird, ist die Wohnung praktisch leer. Ihr bleiben nur noch Schrank, Tisch, Stühle, das Bett und die Küche. Ihren schwarzen Schwiegersohn Osman (Jean-Baptiste Anouman) ignoriert sie meistens, ihren dunkelhäutigen kleinen Enkelsohn nennt sie »Bimbo«. Das ist politisch unkorrekter als nur unkorrekt.

Natürlich ist die Rolle der Paulette eine großes Geschenk für eine Schauspielerin, vor allem für eine, die im fortgeschrittenen Alter nicht mehr durch tolle Angebote verwöhnt wird. Und Bernadette Lafont, die wir aus Chabrol-Filmen, aus Truffauts »Ein schönes Mädchen wie ich« oder Eustaches »Die Mama und die Hure« als undurchsichtige Protagonistin kennen, legt einen Auftritt hin, den man nicht so schnell vergisst. Sie beklagt sich, sie ist mürrisch, unverschämt, aber auch charmant, schlagfertig und verschlagen, wenn es sein muss.

Als sie ins Drogengeschäft einsteigt, nutzt sie allerdings die Informationen von Osman, der als Polizist nach den Hintermännern der kleinen Dealer in Paulettes Bezirk fahndet. Und sie benutzt ihn auch zur Tarnung, die ziemlich perfekt ist. Während sie bei den Jugendlichen »die Drogenoma« ist, wenn sie verschwörerisch ihr »Haschisch, Haschisch« raunt, kommt bei den Polizisten niemand auf die Idee, Paulette könnte in den Drogenhandel verwickelt sein.

Dennoch wird das Vorstadtmilieu nicht verharmlost. Als die russische Mafia anrückt und mit Paulettes Hilfe die Schulhöfe unsicher machen will, kündigt sie. Das geht ihr dann doch zu weit. Mit solchen moralischen Grenzlinien versehen, wird sie dem Publikum am glücklichen Ende sehr sympathisch. Dieses Ende muss zusammen mit ihren Freundinnen (Carmen Maura, Dominique Lavanant und Françoise Bertin) sowie mit dem verliebten Nachbarn Walter (André Penvern) hart erkämpft werden. Aber in Grimms Märchen ist ja auch so manche Krise zu überstehen, bis es schließlich heißt: und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Claus Wecker
PAULETTE
von Jérôme Enrico, F 2012, 87 Min.
mit Bernadette Lafont, Carmen Maura, Dominique Lavanant, Françoise Bertin, André Penvern, Ismaël Dramé
Krimikomödie
Start: 18.07.2013

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