Paul Austers »4 3 2 1«

Sohlenverwandte und andere Juwelen

»Ich hob fargessen!«, so beginnt der Einwanderer Isaac Reznikoff, der sich den Namen Rockefeller nicht merken kann, sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson. Seinem (ebenso wie Paul Auster) 1947 geborenen Enkel Archibald Isaac folgen wir durch Kindheit und Jugend, dies in vier Varianten.
»Was für eine interessante Geschichte, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wie sie jetzt. (…) Was, wenn er von demselben Baum gefallen wäre und sich nicht ein, sondern beide Beine gebrochen hätte? (…) Alles könnte anders sein. Die Welt könnte dieselbe Welt sein (…) und doch wäre sie eine andere für ihn«, heißt es auf Seite 86 nach einem Sturz von einem Baum, der so etwas wie der Eintritt in eine komplexe Erzählwelt ist. Das Buch macht daraus ein Prinzip und insgesamt eine schöne, manchmal ziemlich wilde Lektüre.
Ja, es ist ein wahnsinnsdickes Buch. 1259 in der deutschen Übersetzung, 866 Seiten in der US-Originalausgabe. Ja, die Kapitel sind lang, ebenso viele Sätze. Es gibt seitenweise Fließtext ohne Absatz, erst auf Seite 309 (US-Ausgabe: 208) kommt der erste Dialog. Auster erzählt auktorial. Anleihen und Referenzen zu Tolstoi sind unverkennbar. »Kein postmoderner Roman« beruhigte »Die Zeit«, Quatsch mit Soße. Auster war schon immer Post-Postmoderne, aber egal. »4 3 2 1« ist immens lesbar. (Ist übrigens bald nur »4 3 1«, dann noch weniger.)
Das Buch ist ein Solitär, es verlangt, dass man sich darauf einlässt. Vor dieser Entscheidung wird man dauernd stehen, wenn man es wirklich lesen will. Flüchtige Kritiker und Rezensenten haben hier als Standardausrede gerne den Vorwurf »geschwätzig« parat, was natürlich nur Tarnung dafür ist, so zu tun, als könne man das Vielfache seines geistigen Eigengewichtes mal eben so in die Jackentasche stecken. Auch Norman Mailer hat man es immer übel genommen, wenn er wie in »Harlot’s Ghost« zu dick geworden ist. »4 3 2 1« verlangt etwas ab, aber es gibt prall viel dafür zurück.
Unter anderem die schönsten Kindheitserinnerungen an die Aneignung von Sprache, Literatur und Kultur seit Sartres »Die Wörter«, sehr viel Poesie und verbalen Slapstick, dazu ganze Echokammern der Kriminalliteratur. Paul Auster macht seine Leser zu Ermittlern, die Varianz und Ambivalenz der Verhältnisse ist ihm Programm. Kriminalliteratur darf man das natürlich nicht nennen, aber von der Edgar-verdächtigen »New York Trilogie« kommt er her (die mehr Metaebene als konkrete Stadt war, die gehört weit mehr Jerome Charyn, by the way; von Jerry Oster zu schweigen).
Die Archie Fergusons des Romans sind von Dostojewski geprägt. »Schuld und Sühne« war der Blitz, der in sie einschlug. Paul Auster, der oft ernster tut, als seine Figuren es sein müssen, bietet eine Krimivariante, der ich so noch nie begegnet bin und die mir buchstäblich die Schuhe ausgezogen hat: Einer der jungen Fergusons schreibt eine Kurzgeschichte über zwei »Sohlenverwandte«, eine linke und eine rechte Ledersohle, die als Straßenschuhe bei einem Cop landen, unterschiedlichen Charakter und Ambitionen haben, miteinander im Streit liegen, Karriere machen und die Polizistenwelt erleben. Sehr komisch, sehr witzig und als Filmprojekt eines Ferguson-Freundes immer wieder ein Auftauchen im Roman wert. Dessen Lektüre habe ich nicht bereut. Dies ist ein Buch, das einem bleibt – wie die ganz Großen.

Alf Mayer
Paul Auster: 4 3 2 1.
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Sigelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 1.264 Seiten, 29,95 €.

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