Parada (Start: 13.9.2012)

ParadaWarme Verbrüderung

»Parada« von Srdjan Dragojevic

Im Lachen wiedervereint: im ehemaligen Jugoslawien bricht seit Monaten eine Tragikomödie »für Schwulenhasser« Kassenrekorde. Darin will eine kleine Truppe Homosexueller in Belgrad eine »Gay Pride«-Parade auf die Beine stellen. Hilfe bekommt sie ausgerechnet von brutalen Kriegsveteranen. Ein wunderbarer Spaß.

Der Serbe Limun, ein ehemaliger Tschetnik, ist ein Mann, dem man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Nun will der bullige Sportclubbetreiber seine Freundin heiraten. Doch die temperamentvolle Pearl zieht wutentbrannt aus, nachdem der Schwulenfresser mit seinen Beleidigungen ihren homosexuellen Hochzeitsplaner Mirko vergrault hat. Mirkos Lebenspartner, Tierarzt Radmilo, schlägt dem Gangster einen Deal vor: die Designerhochzeit gegen Security für Mirkos geplante Gay Pride Parade. Also fahren Radmilo und Limun im rosa Mini quer durch den Balkan, um Limuns „Man Power“ mit alten Kriegskumpeln aufzustocken.
Der Hintergrund dieser balkanischen Sittenkomödie ist todernst, was sich zum tragischen Ende auch im Film niederschlägt. Bei der ersten Parade 2001 in Belgrad wurden die Aktivisten von einem tobenden Mob zusammengeschlagen. Der Film zeigt TV-Bilder der 2010er-Parade, in der sich 6000 Angreifer stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Auch im Film werden die Aktivisten von »Glatzen« – darunter Limuns Sohn – drangsaliert. Diese lebensbedrohliche Situation zu einer Komödie zu verarbeiten, ist geradezu ein Kunststück. Doch Srdjan Dragojevic verknüpft das brutale Kesseltreiben gegen Schwule mit einem schwarzhumorigen Blick auf die jüngste Vergangenheit.
So ist sein größtes Verdienst, daß mit burleskem Humor zwar die Klischees vom weibischen Homosexuellen angerissen, schrille Tuntennummern aber durch bessere Pointen ersetzt werden. Zwar ist Radmilos abgespreizter kleiner Finger beim Schnapstrinken ein Running Gag. Doch lustiger und böser ist Limuns Wiederbegegnung mit geliebten Feinden, einem Bosnier, Kroaten und Albaner, die von vergangenen Scharmützeln schwärmen. Limun kann die homoerotische Unterströmung dieser Verbrüderungen bald nicht mehr ignorieren. Außerdem erkennt der ehemalige Kriegsheld, daß er auch mit Mirkos warmen Brüdern mehr gemein hat als den Lieblingsfilm »Ben Hur« (besonders die Stelle mit den innigen Römerblicken).
ParadaKeine Betroffenheitskomödie für Liberale, sondern eine für »Schwulenhasser« wollte Dragojevic drehen. Der Humor ist alles andere als intellektuell und trifft mit seinem Verweis auf das Körperliche direkt ins Eingemachte.
Spätestens wenn zum Showdown eine Handvoll Mutige à la »Die glorreichen Sieben« einer Übermacht Glatzen die Stirn bieten, hat die Komödie auch »Schwulenhasser« auf ihre Seite gezogen – wie nicht nur die bis jetzt halbe Million ex-jugoslawischer Kinobesucher beweisen. Auch hierzulande hat die Komödie, die auf der letzten Berlinale bereits den Panorama-Publikumspreis einheimste, das Zeug für einen Kino-Dauerbrenner.

Birgit Roschy

 

PARADA
von Srdjan Dragojevic, Serb/Slow 2011
mit Nikola Kojo, Milos Samolov, Hristina Popovic, Goran Jevtic, Goran Navojec
Tragikomödie, Start: 13.09.2012

 

Am 11.9. findet um 19.30 h im mal seh’n Kino eine Preview
in Anwesenheit des Regisseurs und der Hauptdarsteller statt.

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