Palmengarten: Fototapeten und einen Totenschädel zeigt der Künstler Mathias Kessler unter dem Titel »Simulacrum – virtuelle Welten«

Der lange Weg zum Korallenriff

Das Putzerfischchen, so scheint es, hat ganze Arbeit geleistet. In strahlendem Weiß, wie frisch und zur Ausstellung aufgehübscht, präsentiert der österreichische Künstler Mathias Kessler im Palmengarten mit seinem Projekt »Nowhere to be found« einen veritablen Totenschädel in einem Salzwasseraquarium. Zu entdecken ist er in der Grotte des Palmenhauses, zu der die linke Treppe am Kakadu-Pärchen, die rechte Treppe an der Ohr-Feige vorbei führt.
Es handelt sich dabei um einen echten Totenschädel wohlgemerkt, der einer Frau gehört haben soll, die ihren Körper der Wissenschaft vermacht hat. Er steht nun im Fokus eines Werks, das die Vergänglichkeit (Vanitas) nicht nur bildlich als Stillleben anmahnen, sondern sogar demonstrieren soll. Auf dass der Schädel zum Riff wird, hat der Künstler ihn mit Korallen drapiert, wobei sich die auf Scheitelhöhe platzierte wie ein kleines Krönchen und die in der rechten Augenhöhle piratesk ausnimmt. Da die Korallen den Schädel als Nährboden nutzen, um ihren Kalziumbedarf zu decken, werde dieser in einem unendlich langsamen Prozess vergehen.
Rund um die Jahrhundertmitte schon soll sich die Kinnlade lösen, heißt es. Fragt sich nur, wo das Aquarium, in dem über die Korallen und das Putzerfischlein hinaus noch zwei Krabben krabbeln und eine Schnecke kriecht, dann steht. Aber auch in der Zeit der bis September dauernden Ausstellung werden die ersten Veränderungen auf dem langen Weg zu einem Korallenriff sichtbar werden, weiß der den Prozess eines Vorgängerobjekts schon seit 2010 verfolgende Künstler. Nur so viel ist klar: Damit das Objekt auch naturwüchsig unter optimalen Bedingungen verrifft, werden sich Menschen kümmern müssen, wunscheshalber seine künftigen Eigentümer. Der Palmengarten-Skull ist übrigens der jüngste von bisher fünf und bei der Frankfurter Galerie Strelow erwerbbar für um die 60.000 Euro.
In einer benachbarten Vitrine gibt der vielreisende Künstler seine an der Schnittstelle von Mensch und rekonstruierbarer Natur siedelnde Sicht in einer kleinen Sammlung scheinbar widersprüchlicher Exponate wieder. Die »Objects of Unbelonging« umfassen neben dem Modell einer idealtypischen Palmeninsel vom Typ Pancake, die mit einem 3D-Drucker geformt worden ist, auch skurril anmutende Funde von Muscheln, Steinen und von Fossilien, die man aber eher für Werkstattprodukte hält.
3D-Objekten entsprungen sind auch die fototapetengroßen Bilder von Traumlandschaften, die Mathias Kessler an mehreren Stellen der Außenzäune des Palmengartens angebracht hat und aus Reisekatalogen stammen könnten. Der Ausstellungstitel »Simulacrum – Virtuelle Welten« bezieht sich auf sie. Diese Sehnsuchtswelten einer scheinbar unberührten intakten Natur sind zu hundert Prozent künstlich und demaskieren zugleich das, was sie vorstellen.

Lorenz Gatt
Bis 3. Oktober: täglich 9–18 Uhr
www.palmengarten.de

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