Only God Forgives (Start: 18.7.2013)

Only God Forgives (Start: 18.7.2013)Minimal Art

»Only God Forgives« von Nicolas Winding Refn

Mit Sicherheit einer der umstrittensten Filme des Jahres: Nicolas Winding Refns Fiebertraum aus Bangkoks Unterwelt erzählt eine simple Rachegeschichte in symbolgeladenen Bildern und blutigen Exzessen. Sein neues Werk ist ein Trip in finsterste Abgründe der Gewalt – oder doch nur ins flache Land der Prätention?

In diesem Film, der an perfekt komponierten, kunstvoll ausgeleuchteten Einstellungen so überreich ist, vermag nur selten ein Bild wirklich zu berühren. Vielleicht dieses eine gegen Ende, als ein Killer ein kleines Mädchen töten will: Er hat schon seine Waffe auf sie gerichtet, und wird dann selbst von hinten erschossen. Die Kleine blickt mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera, sie selbst wie die Wand hinter ihr von Blutspritzern übersät, ein in Schockstarre verharrendes Unschuldswesen in einer Welt der Gewalt.

Zu Empathie lädt »Only God Forgives« ansonsten kaum ein. Er verweigert die Identifikation mit seinen Hauptfiguren, die wie seelenlose Hüllen in Zeitlupe durch das rote oder blaue Neonlicht von Bangkoks Unterwelt wandeln, voller bedeutungsschwerer Blicke in ansonsten ausdruckslosen Gesichtern, in einer minimalen Geschichte, die besser als Konstellation zu beschreiben ist.

Da ist Julian, der mit seinem älteren Bruder Billy im Rotlichtmilieu einen Kickbox-Club und allerhand Kriminelles betreibt; und da ist Chang, ein Polizist, der auf den Plan tritt, als Billy ein junges Thai-Mädchen bestialisch ermordet, und der dann mithilfe seines stets mitgeführten Schwerts die Rolle eines Racheengels einnimmt. Dann reist Crystal an, Julians und Billys Mutter, und bringt den »Plot« erst richtig in Gang: eine Abfolge wechselseitiger blutiger Racheakte, ein Fiebertraum voller mythischer Überhöhungen und halluzinatorischer Farbräusche, düster-dräuend, hyperstilisiert, angetrieben vom Wabern und Pulsieren des Scores von Cliff Martinez, der bereits »Drive« so viel Atmosphäre verlieh, ein Totentanz in grandios gestalteten Rotlicht-Interieurs – doch erzählerisch so ausgefranst und absichtsvoll zerdehnt, dass seine 90 Minuten eher narkotisch denn hypnotisch wirken.

Während Ryan Gosling als Julian und Vithaya Pansringarm als Chang keine Charaktere, sondern Chiffren sind, darf wenigstens Kristin Scott Thomas ihrer Figur Leben einhauchen: Als Crystal ist sie ein unsäglich vulgäres Muttermonster in Blond und Pink, das von seiner »sehr besonderen« Beziehung zum Erstgeborenen Billy schwärmt und Julian permanent erniedrigt, etwa indem sie zwischen ihm und dem großen Bruder einen verbalen »Schwanzvergleich« anbringt.

Crystals offensive Camp-Attitüde bleibt Randnotiz. Die Blicke, die Gesten, die Verstümmelungen, die an David Lynch erinnernden eleganten Kamerafahrten durch düstere Gänge – alles dünstet vor heiligem Ernst. Und gerade deshalb verrutscht »Only God Forgives« so häufig ins unfreiwillig Komische. Julian, diese gefürchtete Größe der Bangkoker Unterwelt, gibt sich Crystal gegenüber wie ein folgsames Hündchen und spricht Sätze à la »Meine Mutter hat aber gesagt …«. Das seelische Inventar dieses Ödipus deuten Phantasien an, in denen es nur leicht verklausuliert um Kastration und die selige Rückkehr in den Mutterschoß geht. Der Rachegott Chang ist dabei der grausame Übervater, das Pendant zur Monstermutter. Als enigmatisches Zentrum des Films schwingt er bereits sein mächtiges Schwert …

Also nur neurotisch-prätentiöser Firlefanz um eine freudsche Kleinfamilie, die derart unter Dampf steht, dass ihre Konflikte sich in blutiger Gewalt entladen? – Boshaft könnte man sagen: »Only God Forgives« ist ein Muttersöhnchen-Drama mit wenig Substanz, kommt aber so breitbeinig daher, als halte es sich für den neuen Superschwergewichts-Weltmeister der Filmkunst.

Doch hat Winding Refn nicht vollkommen recht, wenn er als die zwei großen Feinde der Kreativität den guten Geschmack und die Vorsicht bezeichnet? Man muss ihm lassen, dass er auch nach der Anerkennung für »Drive« alle Rücksicht auf Publikumserwartungen und kommerziellen Erfolg außen vor lässt und mit rückhaltloser Konsequenz seine Vision verfolgt, mag sie auch noch so heftige Ablehnung provozieren. »Only God Forgives« ist ein kühnes Werk, vielleicht zynisch in seiner Lust am blutigen Exzess, vielleicht leer in seiner großen Geste, lächerlich in seinem Ernst. Doch gerade sein Scheitern ist faszinierend, weil es sich genau an jener Grenze abspielt, wo der Kunstwille zur Kasperei wird.

Patrick Seyboth
ONLY GOD FORGIVES
von Nicolas Winding Refn,
F/Thai/USA 2013, 90 Min.
mit Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm, Tom Burke
Actionfilm
Start: 18.07.2013

Zum Filmstart von ONLY GOD FORGIVES verlosen wir in Zusammenarbeit mit dem Tiberius Filmverleih 3 × 2 Freikarten. Zur Teilnahme an der Verlosung senden Sie eine E-Mail an verlosungen@strandgut.de mit der Nennung Ihres Namens und Ihrer Anschrift sowie dem Passwort: ONLY GOD FORGIVES. Einsendeschluss ist der 17.7.2013.

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