Oktober November (Start: 12.6.2014)

Oktober NovemberAuf Leben und Tod

»Oktober November« von Götz Spielmann

Schwestern haben derzeit Konjunktur im Kino. In »Meine Schwestern« beispielsweise ging es um eine herzkranke junge Frau, die, vor einer gefährlichen Operation stehend, noch einmal die Nähe ihrer beiden Schwestern suchte. In »Oktober November«, dem neuen Film von Götz Spielmann, bringt der Herzinfarkt des Vaters dessen zwei Töchter zusammen.

Sonja und Verena, gegensätzlicher kann man sich Schwestern kaum vorstellen. Dem entsprechen schon die Darstellerinnen. Die bodenständige Ursula Strauss spielt Verena, eine verhärmte Ehefrau und Mutter, die im mittlerweile geschlossenen elterlichen Gasthof in den österreichischen Alpen drei Männer versorgt: den Vater (Peter Simonischek) Ehemann Michael (Johannes Zeiler) und den Sohn im Grundschulalter.
Dagegen ist der unterkühlten Bilderbuchschönheit Nora von Waldstätten die Rolle der Sonja wie auf den Leib geschrieben. Sonja hat die enge Provinz verlassen, ist eine bekannte Film- und Fernsehschauspielerin geworden und gerade dabei, eine Affäre mit einem verheirateten Mann zu beenden, als sie die Nachricht vom Herzinfarkt ihres Vaters erreicht.
Sobald sie die Dreharbeiten in Berlin beendet hat, fährt sie in ihre Heimat zurück, wo sie zunächst wie ein Fremdkörper wirkt. Das Haus der Eltern wird auf seltsame Art genutzt. Die Gaststube ist das Wohnzimmer geworden. Verena kocht in der großen Küche für ihre kleine Familie, Michael werkelt vor sich hin, versucht, das Haus instand zu halten und bekommt von dem Gemütszustand seiner Frau wenig mit. Typisch Mann, möchte man sagen.
Zentrum des Films ist aber der Vater, den Peter Simonischek hinreißend spielt. Simonischek ist zuerst ein erfahrener Bühnenschauspieler mit Engagements an der Berliner Schaubühne, am Wiener Burgtheater und in Salzburg. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, den gedämpften Ton zu treffen, der für den Film nötig ist. Wie er den von einer Nahtoderfahrung gezeichneten und später dann sterbenden Patriarchen gibt, ist so eindrucksvoll wie kaum etwas, das derzeit im Kino zu sehen ist.
Um den kranken Vater kümmert sich Landarzt Andreas (Sebastian Koch) mit besonderer Intensität, pflegt er doch eine heimliche Liebschaft mit Verena. Sonja, die nichts von der Affäre ihrer Schwester weiß, versucht natürlich, auch bei Andreas ihre Attraktivität zu testen …
Diesen Stoff für ein Melodram hat Götz Spielmann mit einer Beiläufigkeit inszeniert, die jeder dramatischen Zuspitzung bewusst aus dem Wege geht. Keine wabernde Musik, keine rasanten Schnitte und Bildfolgen. Die Dramatik des Films liegt in den Figuren und deren Beziehungen zueinander. Wie bei einem Puzzle setzt Spielmann Szene an Szene, manchmal scheint alles so zufällig aneinandergereiht wie im wirklichen Leben, und man vermisst ein wenig den filmischen Gestaltungswillen.
Der tritt hauptsächlich in den Bildern zutage. Denn im Gegensatz zum dokumentarischen Aufbau des Films steht die ruhige Kamera, die, wie von Zauberhand geleitet, immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Kameramann Martin Gschlacht führt sie frei von Hektik, kontrastiert die Großstadt Berlin mit der Leere des Gasthofes und die wiederum mit eindrucksvollen Alpenbildern, ohne jemals ins Klischee abzugleiten.
Nach »Revanche«, seinem drastischen Krimi aus der Wiener Unter- und Halbwelt (ebenfalls mit Kameramann Martin Gschlacht), hat sich Götz Spielmann mit »Oktober November« ins Charakterfach begeben. Der schlichte Titel sollte vom Kinobesuch nicht abhalten. Der Film ist keineswegs schlicht, er schaut Leben und Tod bei der Arbeit zu, und das lässt keinen Zuschauer kalt.

Claus Wecker

 
OKTOBER NOVEMBER
von Götz Spielmann, A 2013, 114 Min.
mit Nora von Waldstätten, Ursula Strauss, Peter Simonischek, Sebastian Koch
Drama, Start: 12.06.2014

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