Musik Festival »Cresc..«

Ensemble Modern (Foto: Manu Theobald)Requiem für jungen Dichter

Das zweite Musik Festival »Cresc..« ist Bernd Alois Zimmermann gewidmet

Das »Cresc(endo)« als musikalischer Begriff für stetig ansteigende Lautstärke liegt der Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main zugrunde. Die geht in diesem Jahr in die zweite Runde und nimmt sich für das Thema »Musik und Zeit« vier Tage. Als Motto kommt »Cresc…« (gesprochen wie der englische »Crash«) für mich noch immer arg angestrengt, da nichtssagend daher.

Gottlob geriert sich das Programm unaufgeregter: Mit dem Ensemble Modern, dem hr-Sinfonieorchester und einem illustren Solistenaufgebot stehen Werke des (immer noch) Neutöners »zwischen den Zeiten«, Bernd Alois Zimmermann (1918-1970), im Mittelpunkt. Um den Zeitbegriff des Festivals weiter zu strapazieren: höchste Zeit, sich auf die Gedanken- und Klangwelt dieses »Zeit«-Genossen von Henze, Stockhausen, Leibowitz wieder einzulassen. Die Bedeutung des so genannter Avantgardisten, als musikalischer, unerbittlicher Mahner in der behäbigen Adenauer-Ära, kann spätestens nach dem Welterfolg seiner gewaltigen Lenz-Adaption »Die Soldaten« nicht hoch genug geschätzt werden.

Das Trompetenkonzert »Nobody knows the trouble I see« aus dem Jahr 1954 etwa, und mehr noch das spätere »Requiem für einen jungen Dichter« (er nennt es ein »Lingual«, Zungenlaute), das dem frühverstorbenen Wladimir Majakowski gewidmet ist, verarbeiten Eindrücke ihrer Zeit; beschwören, fragmentieren, zitieren sie mit allen nur möglichen Ausdrucksmitteln. Menschliche Stimmen verlieren sich in elektronischen Klängen vom Tonband, zwischen Jazz-Combo und Orgel; Dubceks flammende Rede an die Bewohner Prags, Goebbels´ totaler Kriegserklärung oder Aphorismen Wittgensteins mischen sich mit dem elysischem Gesang von Beethovens Neunter. Das geht noch heute unter die Haut, ist im besten Sinne zeitlos und knüpft an die Visionen das Amerikaners Charles Ives an.. Auch der trug sein Leben lang eine nie vollendete »Universe Symphony« mit sich herum, um Zeit, Raum und Klang zu vereinigen oder zu überwinden.

Wenn im »Cresc…-Festival»« auch Zimmermanns »Présence«, ein so gennnten »Ballet blanc« in fünf Szenen für Geige, Cello und Klavier im Staatstheater Darmstadt erklingen darf, so wird auch die enge Bindung des Komponisten an die legendären Ferienkurse für Neue Musik dort wachgerufen, von denen viele musikalische Strömungen ausgingen, geprägt von radikalen Umdenkern wie Stockhausen und Boulez, der (man erinnere sich!) die Opernhäuser – symbolisch – in die Luft sprengen wollte.

Um Bernd Alois Zimmermann herum wird es Symposien geben, musikalische Splitter, ein Live-Hörspiel des unbequemen Elias Canetti und so etwas wie »Zimmermann und die Folgen«. So gibt es Morton Feldmans schier endloses 1. Streichquartett als Zeitreise in den Tiefenbereich der Seele (Büchner läßt grüßen), Uraufführungen als »Zeitkunst«, einen Liederabend mit der großartigen Sopranistin Christiane Oelze und ein Kinderkonzert als musikalische Geschichte über die Zeit.

Am Ende der vier Tage vielleicht wieder ein etwas erschöpftes De-Cresc…(endo)? Die Zeit wird’s richten.

Bernd Havenstein
Termine: 21. bis 24.11.13 an verschiedenen Veranstaltungsorten
Infos: www.cresc-biennale.de

 

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