Museum Wiesbaden zeigt die Sphinxen von Katsura Funakoshi

Spiegel der Seele

Vor exakt zehn Jahren hat das Museum Wiesbaden die erst 2004 entstandene Holzskulptur »A Tale of the Sphinx« von Katsura Funakoshi gekauft, um mit ihr die Position eines künftigen Torwächters im zum Umbau stehenden eigenen Haus zu besetzen. Es hat dann noch etwas gedauert, doch mit der Wiedereröffnung vor zwei Jahren bezog die geschlechtlich nicht ganz eindeutige Figur den zugedachten Platz im Kirchensaal am Eingang zu den Alten Meistern. Der gebührt ihr auch, weil Funakoshi sich am Holzschnitt des ausgehenden deutschen Mittelalters (Tilman Riemenschneider) orientiert.
Jetztbleibt der Security-Posten ein Weilchen verwaist. Die Sphinx bildet das Zentrum in einer kleinen Ausstellung mit sechs weiteren Skulpturen und zehn Zeichnungen des in Tokio und London ausgebildeten Meisters. Dem in christlicher Tradition aufgewachsenen Künstler – seine erste Arbeit sei eine Maria gewesen, steht im Katalog – schwebte bei der Schaffung der bis zur Hüfte herabreichenden Sphinx-Büste aus Kampferholz aber nicht die Ödipus-Sage vor, sondern das Romanfragment »Heinrich von Ofterdingen« des deutschen Romantikers Novalis. Das Schlüsselwerk um die Blaue Blume enthält ein Märchen, in dem das für die Poesie stehende Mädchen Fabel ein Rätsel der Sphinx lösen muss, um den Weg zur Erkenntnis zu beschreiten.
Am Dialog mit der Sphinx kommt auch kein Besucher vorbei, doch setzt der Bildhauer diesen  allein mit der aus Marmor gestalteten0 Augenpartie seiner Figur in Kraft, die weder eindeutig ins Asiatische noch ins Europäische geht. Ihr ins Weite zielender Blick wirkt zugleich nach innen gewendet, vergeistigt und nicht von dieser Welt: ein Spiegel der Seele. Während der untere Teil des Torsos fast achtlos dem Material überlassen bleibt, mutet das lebendig Antlitz wie aus Stein geschaffen an. Ein ewig langer Hals entrückt den Sitz des Geistes und der Spiritualität – trotz der herabhängenden Lederriemenohren – der weltlichen Existenz der Hermaphrodite. In etwas schräger Haltung nötigt der maskuline, von milchiger Glasur überzogene Oberkörper mit weiblichen Brüsten auch physischen Respekt. Man trifft sich auf Augenhöhe.
Funakoshi schickt seinen Holzarbeiten Zeichnung um Zeichnung  voraus. Sie sind die eigentliche Basis des späteren Schnitzwerks und geben dem Objekt nach und nach Gestalt. Er zeichne, so lässt er vernehmen, bis das Bild nach seiner Realisierung dränge. In der noch wuchtigeren, noch männlicheren »The Sphinx on a Watchtower« ragt ein Männerkopf von geballten Fäusten flankiert aus der Schädeldecke. Der barbusigen Frauenskulptur »Words like a Tower« wachsen aus den Schultern symbolische Gegenstände wie ein Apfel, ein Lamm, ein aufgeschlagenes Buch mit einer von einem blauen Stein gezierten Blumenzeichnung, der Skulptur »A Sound of Lunar Eclipse« treten Hände seitlich aus den Schultern.
Neben all diesen mit spirituellen Zeichen und Allegorien überfrachteten Figuren wirkt die etwas ältere Arbeit »A Map of Time« (1995) wie ein Ruhepol des Realismus. Ein über Zeichnungen mit Modellen entwickeltes Frauenporträt mit feinen japanischen Zügen, koketten Stirnfransen und nach hinten zum Dutt gebundenem Haar, dem wir vor ein paar Monaten schon im Bad Homburger Sinclair-Haus bei einer der Frau in der zeitgenössischen Kunst gewidmeten Ausstellung (»Ein Sommernachtstraum«) begegnet sind. Den unergründlichen Frauenblick, das wussten wir, gibt es auch im wirklichen Leben.

Lorenz Gatt (A Tale of the Sphinx, © Museum Wiesbaden/Bernd Fickert)
Bis 16. Februar: Di., Do. 10–20 Uhr; Mi., Fr., Sa., So. 10–17 Uhr
www.museum-wiesbaden.de

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