Museum Giersch:
Romantik im Rhein-Main-Gebiet

Carl Morgenstern: Maler in italienischer Landschaft. © Sammlung GierschWer sucht, der findet

Von Carl Sandhaas hatte die Kuratorin Mareike Hennig noch nie gehört, als sie vor gut zwei Jahren begann, die malerischen Schätze der Romantik in der Rhein-Main-Region zu heben. Heute nennt sie den Namen des 1801 geborenen Kunstmalers aus dem Kinzigtal als ersten, fragt man sie nach ihren Entdeckungen während dieser Arbeit für das Museum Giersch. In der Obhut seines Darmstädter Onkels Joseph, der Theaterdekorationsmaler war, entwickelte Sandhaas vor allem zeichnerisch eine hohe Fertigkeit, die nun auch dokumentiert wird. Als Mitglied der studentischen »Darmstädter Schwarzen«, die man heute wohl basisdemokratisch nennen würde, war er mit vielen der Aktivisten seiner Zunft bekannt, die er mit extrem sparsamen Stift fast alle porträtierte.
Aber erst mal zur Ausstellung »Romantik im Rhein-Main-Gebiet«, die das romantische Schaffen der ersten beiden Drittel des 19. Jahrhunderts zwischen der Schwalm und dem Odenwald, dem Rheingau und Aschaffenburg dokumentiert. Und die zugleich den finalen Gong einer von der großen Diskussion um den Bau des Romantikmuseums beflügelten Kampagne »Impuls Romantik« des Kulturfonds RheinMainFrankfurt setzt. Dass die Region heute darauf pocht, ein mit Heidelberg und Dresden vergleichbares Zentrum der deutschen Romantik zu sein, ist so auch Verdienst der Förderer.
Wer im Museum Giersch auf die Suche nach der spezifisch südhessischen Antwort auf die kalte Welt der Aufklärung geht – und nicht recht fündig zu werden meint, muss sich indes nicht wundern. Das romantische Schaffen der Region kenne keine bestimmte Schule, keinen gemeinsamen Stil oder Namen, auch keinen kleinen Caspar David Friedrich. Das Einende sei in der Heterogenität und Vielfalt zu finden, wie auch in der thematischen Freiheit in einem vom Austausch, vom Handel, aber auch Offenheit geprägten Landstrich. Will sagen: Wer sucht, der findet Romantik. Und gar nicht so wenig.
In der Ausstellung drückt sich das in 161 Exponaten von nicht weniger als 51 Künstlern aus, die alle Register des Genres ziehen. Landschaften (großartig!) und Natur, Porträts und Selbstbildnisse, Kindergesichter, nahe Heimweh- und ferne Sehnsuchtsorte, intime Szenen aus der Familie und von Freundschaften. Der Betrachter kann sich auf dem zweistöckigen Rundgang folglich in jedem Sinne verlustieren.
Aufregend sind die Selbstporträts, die blutjungen, immer ernsten Gesichter, die frontalen, herausfordernden Blicke, mit denen uns Franz Pforr, Johann Wilhelm Overbeck  oder eben auch Carl Sandhaas begegnen, ohne ins Pathos zu fallen. Schön, die beiden Graphitzeichnungen, auf denen Sandhaas und  sein Freund Erich Fries, hochkonzentriert sitzend, sich gegenseitig porträtieren. Was hinter ihrer Stirn vorgeht, das fragt man sich aber oft auch bei den Kindern. Edward Jacob von Steinle zeigt seine Tochter Karoline, die auch den Katalog zur Ausstellung schmückt, so distanziert, als durchschaue sie das ihr bevorstehende Erwachsenendasein als einen einzigen Graus.

Lorenz Gatt
Bis August 2015, Di bis So 10 –18 Uhr.     
www.museum-giersch.de

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