Museum Giersch blickt auf das Werk von Reinhold Ewald

Der Frauenverdreher

Im zweiten Stock des Museums Giersch gibt es ein neues Genre zu entdecken. Zeichnungen mit Kuli und Stift bei laufendem Fernseher von Reinhold Ewald.  Etwa vom Eiskunstlauf. Der Hanauer Künstler scheint dabei nicht nur von den Figuren und Formen des sowjetischen Traumpaares Ludmila Beloussowa und Oleg Protopopow fasziniert, die 1964 und 1968 Olympiasieger im Paarlauf werden. Er hält auch ihre Pflicht- und Kür-Noten fest und zürnt am Bildrand mit den Preisrichtern und den TV-Reportern. Dass Ewald den HR-Mann Hans-Jürgen Rauschenbach als »absolutes Rindviech« betitelt, ist aller Ehren wert, doch selbst von Box-Reporter (und Kabarettist) Werner Schneyder hält er nicht viel.
Auch Porträts von Stars der 60er wie die Schlagersängerin Peggy March (»I will follow him«) oder der Fernsehansagerin, wie man das damals nannte, Elfi von Kalckreuth sind in dem fast abseitigen Raum zu finden, den man lieber zu früh als zu spät betritt: so witzig und amüsant ist das alles zumindest für jene, die mit dieser Zeit etwas anfangen können. Nur, künstlerisch schlägt diese kleine Flucht gewiss nicht zu Buche. Allenfalls wird hier belegt, dass der heute kaum noch bekannte Maler zeitlebens ruhelos schöpferisch ist. Eine Fußnote am zeitlichen Schluss der großen Retrospektive, die das Museum Giersch jetzt zusammen mit dem Hanauer Schloss Philippsruhe unter dem Titel »Expressiv. Experimentell. Eigenwillig. Der Künstler Reinhold Ewald 1890 bis 1974« zeigt  
Die rund 300 Bilder an beiden Orten, überwiegend Gemälde, zeigen einen weithin offenen Künstler, der sich mit hoher Kennerschaft – Ewald ist in den Weimarer Jahren und nach dem Krieg Lehrer der Zeichenakademie Hanau – in verschiedensten Sparten versucht und dafür früh Anerkennung findet. Sein Hauptmotiv aber, untrüglich, sind Frauen, die er in den tausend Posen, Wendungen und Situationen, in der Gruppe, als Modell, im Porträt zu verewigen sucht. Anregungen findet der Frauenverdreher in der Frankfurter Künstlerszene und an Treffpunkten wie dem damaligen Café Bauer in der Innenstadt, das nicht mit dem späteren in Bockenheim zu verwechseln ist, wie den Boulevards oder der Schlittschuh-Eisbahn. Fast gegen den Trend, nämlich Auge in Auge frontal, ist die nackte selbstbewusste Frau mit der modischen Kurzhaarfrisur, die er 1926 malte.
Wenn es denn eine Tendenz gibt in seinem Schaffen, dann ist es zum einen die allmähliche Auflösung der Formen und Konturen hin zu farbigen Flächen. Und zum anderen das Tendenziöse selbst. Ewald schwimmt mit dem Strom in all den Stilen, die man unter der Klassischen Moderne rubriziert, vom Expressionismus über den Kubismus bis hin zur abstrakten Malerei und der Neuen Sachlichkeit. Nachgerade treiben lässt er sich mit der Machtübernahme, allerdings nicht eben willenlos. Schon 1933 Mitglied der NSDAP passt er seine Arbeiten ein, verliert den Posten des Akademie-Lehrers aber trotzdem, und auch der Großteil seines Werkes verschwindet. Ewald wird nach dem Krieg der Mitläufer-Klasse IV zugeordnet und mit einer Buße von 1.500 Mark belegt. Die Anerkennung bleibt ihm fortan versagt, doch kehrt er 1949 wieder zurück an die Zeichenakademie, an der er bis 1964 lehrt.

Lorenz Gatt (Foto: Reinhold Ewald: Theatertanzszene, 1929-30, © Uwe Dettmar)
Bis 24. Januar: Di. bis Do. 12–19 Uhr; Fr., Sa. 10–18 Uhr,
www.museum-giersch.de

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