Museum für Moderne Kunst: Krazy House

Pablo Picasso: Weeping Woman, © VG Bild, BonnEmo-Test

Wer Zweifel an seiner Empathie-Fähigkeit hat, findet jetzt im Museum für Moderne Kunst den ultimativen emotionalen Test. Die holländische Foto- und Videokünstlerin Rineke Dijkstra, laut MMK-Chefin Susanne Gaensheimer eine der ganz Großen in diesem Genre, stellt über alle Stockwerke des Hauses verteilt fotografische und filmische Porträts meist von Jugendlichen und von Kindern vor. Obwohl nichts Spektakuläres passiert, steht der halbwegs sensible Betrachter schon bald mit weichen, wahlweise wippenden Knien wie ausgeliefert vor den jungen Gesichtern.

In der ersten Dijkstra gewidmeten Retrospektive in Deutschland werden rund zwei Dutzend ihrer Arbeiten aus gut zwei Jahrzehnten zusammen mit Kunstobjekten aus der hauseigenen Sammlung gezeigt, die von der Künstlerin selbst ausges ucht wurden. Eine Ausnahme bildet Picassos Gemälde »Schreiende Frau«, eine Leihgabe aus dem Tate Liverpool, für die allein das Kommen lohnt. Sie steht im Zentrum einer faszinierend behutsamen Filmstudie, die eine Gruppe britischer Schulkinder beim Deuten belauscht und beäugt. Erst schüchtern tastend nach Worten ringend, geben die Kinder immer mehr von sich preis. Eine zweite Aufnahme gilt einer sich beim Nachzeichnen tief konzentrierenden Schülerin und den Momenten, die sie immer mal wieder aus ihrer Versunkenheit lösen.

Dijkstras Hauptarbeit »Krazy House« aus dem Jahr 2009 gibt auch der Ausstellung den Titel und ist nach einem Liverpooler Club benannt, der jedes seiner fünf Stockwerke in einem anderen Musikstil bespielt. Fünf Jugendliche, sie werden so um die 17 sein, tanzen vor der knallweißen Leinwand eines nahe dem Club eingerichteten Studios in je eigenem Stil und Outfit zu ihrem Lieblingssong. Derart isoliert brauchen sie etwas Zeit,  in den Rhythmus zu fallen und ihre Rolle zu finden. Es sind Performances, tausendmal vor dem Spiegel geübt, vielleicht. Magisch sind jene Sekunden des Kontrollverlusts, wenn die noch so unfertigen Ichs von Gefühlen oder Gedanken irritiert aus der Rolle fallen und diese mit einem aufleuchtenden Lächeln und Halt suchenden Blicken zu kaschieren suchen.

Bis 26. Mai; Di, Do, Fr, Sa, So: 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr
Winfried Geipert

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