Museum für Kommunikation: Thorberg. Hinter Gittern

Museum für Kommunikation: Thorberg. Hinter Gittern (Foto: Balzli & Fahrer)Harte Jungs weichgekocht

Ganz erstaunlich, was im ehedem so braven Postmuseum heute alles möglich ist. Das folgenreich umbenannte und rege Haus thematisiert mit der spektakulären Installation »Thorberg. Hinter Gittern« jetzt den Sinn eines Strafvollzugs, der zunehmend den Auftrag Resozialisierung ausblendet. Als Beispiel dienen die Haftbedingungen von veritablen Schwerverbrechern im »Alcatraz der Schweiz«. Im 12. Jahrhundert als Burg errichtet, fungierte die berüchtigte Anlage bereits als Kloster und Irrenanstalt, bevor sie 1893 zum Zuchthaus umgebaut wurde. Heute sitzen hier 180 Menschen aus 40 Nationen ein – isoliert von der Außenwelt im geschlossenen Vollzug.

Der Schweizer Filmemacher Dieter Fahrer hat für seine preisgekrönte Dokumentation, die das Filmmuseum zur Eröffnung zeigte, filmische Porträts von sieben Insassen aus sieben Ländern in der Anlage erstellt. Die sogenannte Medieninstallation im Museum für Kommunikation ist ein nicht minder intensiv zu erlebendes Nebenprodukt dieser Arbeit und stellt in filmischen Beiträgen von jeweils sechs bis acht Minuten 18 Männer aus 12 Nationen vor, die über ihre Herkunft und Familien, ihre Geschichte, ihre teils abenteuerlichen Wege in die Schweiz und über ihren Knastalltag befinden. Fahrer, der sich für sein Projekt vorübergehend auf Thorberg einquartieren durfte, hat die Aufnahmen in einer Videowerkstatt zusammen mit den Gefangenen erstellt und geschnitten.

Zu sehen gibt es aber zunächst einmal sechs knapp zehn Quadratmeter messende Kabinen in Original-Einzelzellengröße mit jeweils einem Einrichtungsstück wie etwa Waschbecken oder Bett sowie einem Monitor, denn ihren eigenen Fernseher haben die Gefangenen in Thorberg auch. Auf letzteren sind jeweils drei der Filmporträts per Kopfhörer zu verfolgen, Interviews mit kurzen Einblendungen vom Rundgang im Hof oder der Arbeit.

Der Autor, der bewusst nicht auf Einzeltaten, auf die Opfer oder auch auf die Wächter eingeht, zeichnet sehr persönliche Menschenbilder ohne Larmoyanz und Pathos. Wie dasjenige mit Salvatore, der jemanden erschossen hat, weil er durchdrehte, wie er sagt, und der um die 20 Tabletten gegen alles Mögliche schlucken muss, auch um die Monotonie der stumpfsinnigen Arbeiten auszuhalten, die er verrichtet. Und der den Fernseher als seinen einzigen ehrlichen Freund bezeichnet.

Oder wie das vom Ilaz, einem Haudrauf aus dem Kosovo, der davon erzählt, dass er selbst unter den Mitgefangenen als ein harter Hund gilt, und dann in Tränen ausbricht. Ob es denn nicht auch Stärke sei, für seine Taten Schuld zu empfinden, will er wissen. Und lässt einen an einen gewissen Raskolnikow denken.

Lorenz Gatt
Bis 25. Mai: Di.–Fr. 9–18 Uhr,
Sa., So.:11–19 Uhr
www.mfk-frankfurt.de

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