Museum für Kommunikation: »Mein Name ist Hase«

Woher die Sprüche kommen

Das mit dem Müßiggang ist Daniel nicht ganz so klar. Acht Jahre ist er alt, sagt er. Und sucht nun am rechten großen Rad des Sprichwort-Generators ein wenig ratlos nach der richtigen Fortsetzung. Müßiggang, steht auf dem linken…: Hat Gold im Mund? Fällt selbst hinein? Wird Sturm ernten? Von Müßiggang hat Daniel noch nie gehört und mit »aller Laster Anfang« kann er auch nicht viel anfangen. Obwohl es ein paar Erfolgserlebnisse gibt, wie den Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt, bleibt er hier nicht lang. Zu müßig, Daniel? Häh?
Die Patina, die sich über manche der Stationen dieses Sprachparcours zieht, den das Museum für Kommunikation für die neue Schau »Mein Name ist Hase. Redewendungen auf der Spur« angelegt hat, ist allerdings unabdingbar. Die meisten der Sprichwörter und geflügelten Worte, denen hier spielerisch auf den historischen oder etymologischen Grund gegangen wird, haben eine lange Geschichte, die bis in biblische Zeiten zurückreichen kann.
Und Daniel zum Troste: Auch die wenigsten Großen wissen, wovon sie reden, wenn sie jemanden vorwerfen, pingelig zu sein, oder behaupten, aus dem Stegreif zu reden. Dies und noch viel, viel mehr lässt sich erfahren auf einem Rundgang, der Erwachsenen mindestens so viel Spaß macht wie Kindern. Und der auch ohne Kinder lohnenswert ist. Schließlich greift jeder in der Alltagskommunikation täglich auf um die 100 Redewendungen und Sprachbilder zurück, weiß der Kurator und Experte Rolf-Bernhard Essig. Da brat mir doch einer ’nen Storch!
In der Bibel, den klassischen Sagen und antiken Mythen wimmelt es nur so von Sprüchen und Wendungen, viele Metaphern stammen aus dem Militär, dem Handwerk und natürlich aus der Tierwelt. So gehen die heuchlerischen Krokodilstränen, die wir jemandem vorwerfen, darauf zurück, dass das Reptil beim Fressen seiner Opfer »weint«. Verraten wird hier aber auch, dass die Ursache dafür keineswegs im sensiblen Gemüt des Tieres liegt sondern in seiner Anatomie: weil sein Oberkiefer beim Kauen auf die Tränendrüse drückt.
Es gibt aber auch Mitmachspiele wie den Selfie-Pranger mit langgezogenen Ohren, den schon erwähnten Generator und sogar eine Art Klick-Kamera-Peepshow für nicht mehr ganz so junge Besucher hinter einem sündig roten Stoffsäumchen. Über den Kopfhörer vermittelt, geht letztere neben kriminellen auch schlüpfrig-anstößigen Sprachbildern nach und tut sich dabei nicht immer sehr leicht und eher unfreiwillig komisch, wenn beispielsweise erklärt wird, was jemand ankündigt, wenn er »ein Rohr verlegen« will.
Dass neben der Werbung auch die Film- und Fernsehindustrie sprachlich Bleibendes schafft, wird auf einem Screen mit Ausschnitten unter anderem aus dem Klassiker »Casablanca« verdeutlicht, der mit »Spiel’s noch einmal Sam« und »Ich schau dir in die Augen, Kleines« bis zum »Beginn einer großen Freundschaft« und den »üblichen Verdächtigen« reicht. Der Ausstellungstitel geht übrigens auf den mutigen, der Fluchthilfe beschuldigten Heidelberger Studenten Viktor Hase zurück, der 1854 in einem Gerichtsverhör mit dem Satz »Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen. Ich weiß von nichts« die Aussage verweigerte.

Lorenz Gatt (Foto: © Mile Cindric)
Bis 19. November: Di.–Fr. 9–18 Uhr; Sa., So. 11–19 Uhr
www.mfk-frankfurt.de

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