Museum für Kommunikation: »Berührt – Geführt. Werbekampagnen«

Persilschein für Christoph Waltz

Es ist eine kleine Zeitreise in die eigene Erinnerung mit einer Reihe von Zusatzhalten, wo es nötig ist. Menschen jenseits der 70 mit gutem Gedächtnis werden die Werbekampagnen-Schau »Berührt – verführt« im Museum für Kommunikation, die den Reklamebotschaften in Deutschland von den Nachkriegsjahren bis heute gewidmet ist, ein Wiedersehen mit Produkten »in Friedensqualität« erleben: Nivea-Zahnpasta, Sanella, Fewa und natürlich Persil – alles Marken, die es schon vor dem Krieg gab und nun rekultiviert wurden.  
Das Henkel-Waschmittel feierte mit einem riesigen Stadtfest 1948 in Düsseldorf sogar eine event-reife Wiederauferstehung und wurde mit den ersten deutschen TV-Werbefilmen – mit Liesl Karlstadt und Beppo Brem – zum deutschen Markenstar der 50er. Seine legendäre Waschkraft fand in der Wortkreation »Persilschein« gar Eingang in den politischen Sprachgebrauch: die im deutschen Beamtenapparat obligate Bestätigung, nie und nimmer nichts mit den Nationalsozialisten zu tun gehabt zu haben.
Mit Bildern, Plakaten, Filmen und begleitenden Informationen zum Zeithintergrund geht die Ausstellung in chronologischen Blöcken bis heute ihrem Thema nach. Dem Aufbruch aus Ruinen folgen die Wirtschaftswunderjahre mit dem Peter-Stuyvesant-»Duft der großen weiten Welt« und das den Zeitnerv treffende »Mach mal Pause« von Coca-Cola, während man das HB-Männchen vermisst. Dem Fotografen Charles Wilp gelang es, die historisch belasteten Autobauer aus Wolfsburg mit der »Und läuft und läuft«-Käfer-Kampagne wieder hoffähig zu machen. Als maßgeblicher Gestalter ist Wilp auch in den Sechzigern wieder im Spiel: mit der Promi-Rauschkampagne von »Sexy-mini-super-power-pop-op-cola« für Afri Cola.
Viele Slogans haben es fern jeden Produktbezugs in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft, einzelne davon (wie »Alle reden vom Wetter«, »Nichts ist unmöglich«) sogar in die Bibel der Geflügelten Worte, den »Büchmann«. Die Ursprünge von Wortkreationen wie »Man gönnt sich ja sonst nichts« oder »Es war schon immer etwas teurer …« sind wohl nur den wenigsten präsent. Dass man mit Asbach Uralt etwas Positives verbinden kann, gehört zum Wissensprivileg der älteren Jahrgänge.
Interessant ist in diesem Kontext auch die Geschichte der DDR-Werbung, die überwiegend der Konsumsteuerung galt und beispielsweise den Mangel an Fleisch mit Werbung für Fisch zu kompensieren suchte oder der Überproduktion von Hühnereiern mit der Aufforderung zum Mehrverzehr begegnete. Zu den Highlights der für mehrere Visiten geeigneten Schau gehört auch der juristische Streit der »Pardon«-Redaktion mit Jägermeister um das Satire-Plakat mit dem Kind, das seinen Kummer über die Verhaftung seines Dealers in Jägermeister ertränkt. Eine Ikone sind auch die Ikea-Clips zu »Wohnen Sie noch, oder leben Sie schon?« mit dem längst zum Hollywood-Star reüssierten Christoph Waltz, der allemal einen Persilschein des schlechten Geschmacks verdient hätte.

Lorenz Gatt (Foto: © Charles-Wilp)
Bis 8. August: Di.–Fr. 9–18 Uhr; Sa., So. 11–19 Uhr
www.mfk-frankfurt.de

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