Museum für Kommunikation: »Angezettelt«

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Antisemitische Pappkameraden

Zuerst heißt er »Spucki«, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der Werbung eingeführte Aufkleber, der seither aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Der kleine Hingucker, kostengünstig zu produzieren und briefmarkenleicht anzubringen, dient sehr schnell auch als Träger mehr oder minder klandestin verbreiteter politischer Botschaften und wird bevorzugt in Phasen heißer Debatten und Wahlen oder von Krisen als Pappkamerad an der Stimmungsfront eingesetzt.
Das Museum für Kommunikation (MfK) zeigt in einer übersichtlichen, aber ansprechenden Ausstellung »Angezettelt – Antisemitismus im Kleinformat«, wie die radikale Rechte den Spucki für Hetztiraden gegen die jüdische Bevölkerung nutzt. So taucht der Aufkleber »Kauft nicht bei Juden« schon in den Neunzigern des Kaiserreichs auf. In sieben Themenbereiche geordnet, die auch Gegeninitiativen und aktuelle Beispiele umfassen, sind mehr als 100 lose oder geklebte Originale, Fotos und Dokumente aus den vergangenen 120 Jahren zu sehen. Die meisten stammen von dem inzwischen 90 Jahre alten Berliner Wolfgang Haney, der vor rund 30 Jahren begann, »Antisemitica« zu sammeln. Das MfK knüpft damit an die frühere Ausstellung »Abgestempelt« an, in der es um antisemitische Postkarten ging.
Die Konfrontation mit einem Rassismus, der schnurgerade den Weg zum Holocaust weist, macht dabei nicht weniger ratlos, wie die in dessen Wissen verbreiteten Parolen von heute an Laternenpfählen oder Haltestellen, Ein »Freifahrkarte nach Jerusalem hin und nicht wieder zurück« von 1893 unterscheidet sich vom Rückflug-Ticket der NPD an Ausländer in aktuellen Wahlkämpfen um keinen Deut. Über solche Zettelbotschaften hinaus berührt die kleine Ausstellung vor allem durch Geschichten, die sie mit Bildern und Filmen erzählt. Wie die des Frankfurter Hoteliers Hermann Laass, der den Gästen seines gegenüber dem Südausgang des Hauptbahnhofs gelegenen Kölner Hofs schon 1895 anbot, Briefe mit dem Aufkleber  »Hotel Kölner Hof in Frankfurt am Main – judenfrei« zu versiegeln. Mit dem »Branding« des ersten judenfreien Hotels in Deutschlands sicherte sich der auch als Stadtverordneter der rechten DNVP aktive Hotelier den Zuspruch der deutschen Rechten vor und nach dem 1. Weltkrieg. Auf Proteste reagierte die Messestadt, nachdem Laas sich 1900 auch im Bürgersteig-Café des Hauses »jüdischen Besuch verbat«, indem sie ihm die Konzession dafür entzog.
Mit Botschaften auf Briefsiegeln haben auch Hans und Trude agitiert: Ein Liebespaar, das zu Beginn der Zwanziger seine Briefe mit antisemitischen Zitaten von namhaften Geistern wie Luther oder Richard Wagner geschmückt auf den Postweg gab: In einem der Schreiben, das die Vitrine zeigt, amüsiert sich Hans über den Briefträger, der gefragt habe »Der Herr ist wohl Antisemit?«. »Und was für einer!«, habe er ihm geantwortet.

Lorenz Gatt
Bis 21. September: Di., Mi., Do., Fr. 9–18 Uhr; Sa., So. 11–19 Uhr

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