Museum Angewandte Kunst: Richard McGuires »ZeitRaum«

Zimmer mit Aussichten

Exakt da, wo man jetzt steht oder sitzt oder geht, was war da wohl vor 5, vor 50, vor 500 oder gar 5.000 Jahren? Wer hat über solche Fragen nicht schon nachgedacht, außer vielleicht  im 25. Stock eines Wohnhochhauses? Richard McGuire, Ex-Bassist der New-Yorker Postpunker von »Liquid. Liquid« (1980 – 1983) hat sich nach eigener Angabe bei einem Umzug gefragt, wie es an der erinnerungsbeladenen Wohnstätte später mal aussehen wird? Wer in 30, 40, 60 Jahren dort lebt? Und wie? Unter dem folgerichtigen Titel »Here« hat der 1957 in New Jersey geborene Künstler diesen Gedanken schon 1989 in einer Graphic Novel auf sechs Seiten in Schwarz und Weiß Gestalt gegeben und damit in der Avantgarde-Zeitschrift RAW Furore gemacht. Seither ist er auch außerhalb der Musikszene berühmt.
Auf ineinander verschachtelten Bildkonstruktionen ist eine wie per Standkamera fest fixierte Wohnzimmeransicht mit Fensterblick der Ausgangspunkt. In diesem Rahmen führt er in Form von Kästen und Schnitten wörtlich zu verstehende Zeitfenster ein, die er mit Anekdoten oder auch Visionen der Vergangenheit wie der Zukunft füllt. Seiner Regie folgend werden dabei Erd- und Menschheitsgeschichte, National- und Familiengeschichte mit eigenen Erinnerungen verknüpft. Und wer weiß schon, ob es tatsächlich die Vorfahren sind, oder nur die Vormieter? »Here« ist und bleibt dieser Ort des Werdens, Wandelns und Vergehens vor 10.000 oder über 5 Millionen und in 100 Jahren.
In jeder linken oberen Ecke eines jeden Kastens findet sich jeweils die Jahreszahl. Sie setzt eine Geschichte in Gang, die auf einer andern Seite ihren Fortlauf findet – oder auch nicht. Warum der Blick in die Zeit, als die Büffel noch über die Valleys zogen, mit einer Ansicht des Zimmerinterieurs aus den 50ern verbunden ist, entzieht sich der Einsicht. Ein zweites Beispiel: Unter der Jahreszahl 1902 nimmt ein Zimmermann vor einem jungen Baum kniend den Bau des Hauses in Angriff. Wie ein aufgeklebtes Post-it wirkt das Kästchen mit der Jahreszahl 1869 in diesem Bild, das den Schössling zeigt. Ausgewachsen ziert er spätere »Aufnahmen« nach einem Hausbrand, bis er gefällt wird und einer nicht eben einladenden Zukunft Platz macht, die Menschen 2050 in Schutzkleidung zeigt. Alles verseucht?     
McGuire hat 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung sein komplexes Projekt auf 300 Seiten ausgeweitet und als Buch mit Farbzeichnungen herausgebracht, das bei Dumont auch auf Deutsch erschien. Im Museum für Angewandte Kunst (MAK) sind drei Zimmeransichten daraus jetzt in begehbaren Installationen dreidimensional nachgebaut, mit Pappwänden als Zeitfenster.  Die Besucher sind eingeladen, sich auf Sofa, Sessel oder Teppich niederzulassen  – und mal zu schauen, was die Kunst so mit ihnen macht.   
In einem Wandbogen um diese ZeitRaum-Installationen hängt ein vergrößerter Abdruck der Ursprungsgraphiken von 1989. Garniert wird der Gang durch die Zeit mit einer Reihe von Zimmerentwürfen aus Sammlungsexponaten des MAK und mancher Mitarbeitergabe. Dazu gibt es Malkunst: die während einer Autofahrt von München nach Berlin gefertigten Adhoc-Aquarelle »A9 Paintings« von Leanne Shapton mit jeweiliger Kilometerangabe und den sechs Minuten langen Animationsfilm »Shelter«, der die phantastische Reise eines Stuhls bei Dauerregen auf dem Dachboden erzählt. Astrophysiker können auf der »Journey into and through a Reissner-Nordström black hole« auf Wurmlöcher stoßen.

Lorenz Gatt
Bis 11. September 2016: Di. bis So. 11 – 18 Uhr; Mi. 10 – 20 Uhr
www.museumangewandtekunst.de

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